Vollmond

»Hallo.«

»Hallo.«

»…..«

»Hallo.«

»Das hast du schon mal gesagt.«

»Was hab ich schon mal gesagt?«

»Hallo.«

»Ach so, ja: Hallo.«

Das war nicht besonders, geht als Small Talk aber knapp durch.

»…..«

»Allein hier?«

»Glaub schon. – Du?«

»Wie man’s nimmt.«

»Und? Wie nimmst du’s?«

»Weiss nicht, wollte nur mal eben kurz Luft schnappen.«

»Ist stickig drinnen, ja.«

»…..«

»…..«

»…..«

»Noch was zu trinken? «

»Hab noch danke.«

»…..«

»Der Barkeeper meint, du hättest meinen Drink nicht bezahlt.«

»Schlimm?«

»Geht so. Wär‘ eine Geste gewesen.«

»Magst du Gesten?«

»Ja.«

»…..«

»…..«

»Ich mag Gesten auch.«

»Sind… wie soll ich sagen, keine Ahnung. … schön…«

»Ich liebe Gesten.«

»Ich auch. Gesten hauen mich glatt um.«

»Dich auch? Echt jetzt?«

»Ja, voll echt!«

»Dann sind wir uns ja einig.«

»Über Gesten?«

»Glaub schon… oder nicht?«

»Doch, keine Ahnung, irgendwie schon, glaub ich.«

Eine Wolke schiebt sich vor den Vollmond und macht eine Abblende.

***

»Gut geschlafen, Lukrezia?«

»Nicht wirklich. – Du?«

»Halb. Mir ist im Traum die Welt abhandengekommen.«

»Du warst ja auch so ziemlich bekifft gestern.«

»Echt?«

»Ja.«

»…..«

»…..«

»Wo ist der Mond?«

»Untergegangen.«

Silvio schaut unter’s Bett. Keiner da.

»…..«

»Kaffee ist leider grad auch keiner mehr da.«

»Schade.«

»Tee hätt‘ ich.«

»Tee ist super. Und übrigens nennen mich alle <Luk>. Dieses <rezia> geht mir zu lang.«

»Gibst du mir deine Nummer?«

***

»Hi, Luk’s AB hier. Nachdem ihr vor mir schon tausend anderen aufs Band geheult habt, weiss ich nun wirklich nicht, warum ausgerechnet ich euch zuhören soll. Wünsche gutes Überleben. – Ciao.«

***

Ein Monat später scheint der Vollmond in seinem Bett auf ihre Haut. »Geh weg! Ich will deine Liebe nicht«! trommelt sie gegen seinen Arm.

»Moment mal, meine Liebe gehört mir. Damit kann ich wohl machen, was ich will.«

»Von mir aus. Aber nicht mir Angst.«

»Wieso denn?«

»So halt.«

»Dafür, dass du meine Liebe nicht willst, ist ’so halt‘ aber keine gute Antwort, oder?«

»Geh einfach weg, und mach keinen Aufstand.«

»…..«

»…Ich bin nicht so toll, wie du glaubst. Geht hundert Pro jedes Mal schief, wenn einer mich mal toll findet. Früher oder später ist jeder von mir enttäuscht. – Und ich erst recht.«

»Soll ich dich etwa nicht toll finden?«

»Wär mir lieber, ja.«

»…..«

»…..«

»Ich mach uns erst mal Kaffee.«

»Ich will keinen Kaffee. Ich will dich weghaben! «

»Gut, dann keinen Kaffee, aber auch kein Weghaben.«

Sie lässt es sich nicht gefallen, dass er ihr eine Strähne aus dem Gesicht streicht.

»…..«

»Findest du mich denn toll, Luk?«

»Keine Ahnung, irgendwie schon. Aber du machst mir Angst.«

»Das hatten wir schon.«

»Hat sich seither ja auch nichts geändert.«

»Liebst du mich denn überhaupt?«

»Glaub schon irgendwie, aber ich bin nicht in dich verliebt. – Will ich nicht!«

»…..«

Silvio steigt aus dem Bett und macht nun doch Kaffee. Das bringt Zeit, und normalerweise mag er Kaffee nach dem Sex. Normaler­weise. Die zwei heissen Tassen lässt er in der Küche stehen. Sie will keinen Kaffee, und er auch nicht. Die Frau ist seltsam. Auch sein Gefühl. Aber die Nacht war schön. Nur das mit dem Kaffee ist blöd. Wie kommt er jetzt zurück zu ihr ins Bett, ohne dass sie gleich aufsteht? Sie bleibt liegen, rutscht nur leicht zur Seite, sagt aber wieder »Geh weg!«

Darf er sich trotzdem in sein Bett legen oder ist das übergriffig? Der frühe Morgenmond hilft nicht, und sie lässt noch immer nicht zu, dass er ihr die Strähne aus dem Gesicht streicht. Er könnte eine Träne sehen.

***

Den nächsten Vollmond gibt es nicht. Es ist bewölkt. Diesmal macht Lukrezia Kaffee. Sie hat herausgefunden, dass er das mag nach einer solchen Nacht. »Hallo«, sagt sie, als er aufwacht. – »Hallo«, auch er. »Hallo…« Das Telefon klingelt. Der AB übernimmt: »Hi, Luk hier. Schön, dass ihr anruft. Bin aber grad so ziemlich beschäftigt.«

»…..«

»Was, wenn jetzt der Mond angerufen hat?«

»Monde rufen nicht an, Silv. Das sind bloss Reflektoren und werfen komisches Licht aus dem Kosmos auf uns runter. Bloss Reflektoren sind das.«

»Klingt nur bedingt romantisch…«

»Was ist romantisch?«

»Weiss nicht, Vollmond eben, Sonnenuntergänge, Kerzen und so… Und wenn man keine Angst hat vielleicht, glaube ich, sowas halt…«

Der Schweiss hat eine Strähne an Lukrezias Stirn geklebt. Sie streicht sie weg. Schade, das hätte gerne er gemacht.

***

Vollmond ist erst wieder in vier Tagen. Silvio kauft jetzt schon Kaffee. Luk schminkt sich und steckt ihre Haare hoch. Eine Strähne lässt sie hängen. Vielleicht mag er sie ja wegstreichen. Die Wetterprognosen sind gut. Es soll eine klare Mondnacht geben.

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