Viva la muerte – es lebe der Tod

Fernseh-Essay

Mein Arzt meinte, er könne jetzt auch nichts mehr für mich tun, und in wunderbarer Übereinstimmung war mein Arbeitgeber mit Doktor Chromsky einer Meinung. Schliesslich bot man mir in einem dieser Reisebüros Hilfe an. In Mexiko sei

a) der Tod noch ein Abenteuer
b) Trunksucht eine geistige Erfahrung
c) der Weltschmerz eine Verschmelzung mit Gott,
und d) in Mexiko sei eine verlorene Liebe von literarischem Wert.

Ein filmischer Essay über den Tod in Mexiko.

My doctor said there’s nothing else he can do for me now. I didn’t want to know more. Finally I found help in one of these travel agents. It seems that in Mexico

a) death is another adventure
b) alcoholism is a spiritual experience
c) world-weariness is communion with God
and d) in Mexico, a lost love has literary value.

A film essay about death in Mexico.

Mon médecin m’a dit qu’il ne pouvait plus rien pour moi. Mon patron était parfaitement d’accord avec le Dr Chromsky. Finalement, on me vint en aide dans une agence de voyages. On dit qu’au Mexique:

a) la mort est encore une aventure,
b) la boisson, une expérience spirituelle,
c) le spleen, une fusion avec Dieu
et d) au Mexique, un amour perdu revêt une valeur littéraire.

Essai cinématographique sur la mort au Mexique.

Mi médico me dijo que ya no podía hacer nada más por mí y, maravillosamente, mi jefe compartió la opinión del doctor Chromsky. Por último, en una de estas agencias de viaje me brindaron ayuda. En México, me dijeron,

a) la muerte todavía era una aventura
b) la embriaguez, una experiencia espiritual
c) el dolor por el mundo, una fusión con Dios
y d) un amor perdido tenía valor literario.

Un ensayo fílmico acerca de la muerte en México.

Buch, Regie, Kamera, Schnitt Felix Tissi
Sprecher Gian-Fadri Töndury
Ton Susanna Kumschick
Online-Schnitt Stefan Kälin
Ton-Gestaltung Florian Eidenbenz
Musik Robert Wyatt, Manà, Treme Brass Band u.a.
Produktionsleitung Ivo Kummer
Produktion Insertfilm AG und Felix Tissi
in Koproduktion mit ZDF/ARTE und SRG SSR idée suisse
Redaktion ZDF/ARTE Doris Hepp
Redaktion SF DRS Paul Riniker
Uraufführung 1. November 2000 ARTE

Booklet

52 Min., col, Letterbox, stereo, deutsch

Drehformat: MiniDV

Endformat: Digital Beta, Beta SP

Untertitel: English, französisch, spanisch

Kontakt

Insertfilm AG
Untere Steingrubenstrasse 19
Postfach 863
CH-4502 Solothurn
Tel.: +41 (0)32 625 70 00
info@insertfilm.ch | www.insertfilm.ch

Leben und Tod, Licht und Schatten, Weitsicht und Irritation, Bewegung und Stillstand, Trauermusik und Stille – das sind Phänomene, um die der Filmessay „Viva la muerte – es lebe der Tod“ des Filmemachers Felix Tissi kreist. Für dessen Realisierung besuchte der Autor, zuletzt hervorgetreten mit dem Spielfilm „Who’s next?“ (1999), jenes Land, das besonders im Monat November für Grenzerfahrungen prädestiniert zu sein scheint: Mexiko. Das mit einer einfachen Videokamera gesammelte Material hat Tissi nach seiner Rückkehr in die Schweiz geordnet, gleichzeitig damit begonnen, sich dazu eine Geschichte auszudenken bzw. die bereits ausgedachte Geschichte immer neu zu verändern – im Dialog mit den Sequenzen auf dem Schneidetisch.

Die Koproduktion von ZDF/Arte und dem Fernsehen DRS ist eine Geschichte, die der hohen Metaphorik von Licht und Schatten standhält. Nicht genug: Tissi hat, nicht zuletzt mit musikalischen Mitteln, dafür gesorgt, dass wir Zuschauer ein bisschen in Trance versetzt werden. Einmal meinen wir, eine Fiktion vor uns zu haben, dann wieder eine klassische Dokumentation – ein stetes Wechselspiel.

Das fünfzigminütige Werk beginnt mit gespenstischen Szenen vom Zürcher Flughafen. Regen fällt, und der Zuschauer sieht Tropfen, die das Kabinenfenster benetzen. Swissair-Maschinen tauchen verschwommen im Hintergrund auf. Es ist, als würden sich die schweren Apparate in ihren Konturen auflösen. Eine Stimme erzählt von einem Adieu, vom Flug in den Tod, vom Sterben in Mexiko.

Das Verwischen und Verdunkeln, das Verzerren und Verschleiern ist bereits hier zentrales Gestaltungselement. Es setzt sich durch den gesamten Essay fort. Durch Verlangsamung der Verschlusszeiten an der Videokamera vermittelt Felix Tissi ein Bild von Mexiko, das surreale Züge trägt. Farben des Alltags werden verfremdet. Einfache Handlungsabläufe oder Körperbewegungen gedehnt. Schatten drohen, dann das Dunkel, die Verzweiflung, das Grauen, übrigens auch das Grauen, das der Alkoholismus zeugt. Nicht zufällig sagt Felix Tissi: „Ich wollte eigentlich immerfort für diesen Film die Nacht haben.“ In irgendeiner Provinz erlebt der fiktive Held jene Rituale von Tod und Trauer, die vielfach in südländischen, stark von der Religion geprägten Kulturen anzutreffen sind. Am 1. und 2. November versammeln sich die Trauernden auf den Friedhöfen, etwa in Patzcuaro, um im Schein Tausender von Kerzen zu trinken, zu essen, zu feiern. Die Lebenden hocken über dem Grab. Die Toten in der Erde. Gibt es Unterschiede? Leben die Toten nochmals auf? Sterben bald die Lebenden? Aber wann ist „bald“?

Kein Zweifel: Der Ich-Erzähler und Held der Geschichte, immer nur aus dem Off zu hören (Sprecher: Gian-Fadri Töndury), mag eine Kultur, die den Tod nicht verdrängt. Er möchte von der mexikanischen Kultur lernen und lernend dort irgendwo in einem einsamen Hotel sterben. In immer neuen Wellen tauchen Bilder auf, manchmal nur kleine Details. Absichten, Vermutungen, Irrtümer kommen zur Sprache. Und die Frage: Wo verbirgt sich der Tod? Zwischen welchen Stunden des Lebens? Zum Schluss kommt tatsächlich der Tod, aber in anderer Form als erwartet.

Zum einen kommt dieser Essay, der ausschliesslich mit dokumentarischem Material arbeitet, als ein Film daher über den Umgang anderer Kulturen mit dem Tod. Andererseits ist er auch eine Reflexion über erzählerische Verfahren, über Traum und Wirklichkeit. Da tritt etwas in der Wirklichkeit in Erscheinung, was eigentlich nur Halluzination ist; dort gerät das Reale zum Trauma. Dass es Felix Tissi gewagt hat, im Alleingang zu arbeiten, also für Buch, Regie, Kamera sowie Schnitt verantwortlich zeichnet, war ein mutiger Schritt. Dass dieser Schritt zum Erfolg geführt hat, ist umso erfreulicher. Mancher anspruchsvolle Zuschauer dürfte dem Autor für diese Einstimmung auf Allerheiligen und Allerseelen danken.

Uwe Scholz, Neue Zürcher Zeitung 31. Oktober 2001

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