Tunisreise

»Du mit deiner Kunst… «, sagt sie.

Das kann er nicht mehr hören. Kunst sei systemrelevant.

»Für welches System?«

»Für meines.«

Künstler seien Egoisten, meint sie.

»Aber systemrelevant!« Darauf beharrt er. Das System lebe von Egoisten.

Das müsse geändert werden, findet sie.

»Systemänderungen gehen nur über Kunst und Kultur«, ist er überzeugt.

Mit Egoisten brächte man kein Egoisten-System weg, ist sie überzeugt, und im Kühlschrank fehle Milch. Er schreibt es auf. Samt Auberginen, Basilikum und <Hakle feucht> Dazu neue Schuhe für die wachsenden Zehen der Kinder.

Kinderschuhe kosten. Da liegt eine Tunesienreise nicht drin. Würde aber den Durchbruch bringen. Auf hundert! Statt wie Paul Klee nach Tunis, fährt er nun die Kids in die Kita am Obstberg. Sie arbeitet. Auf dem Amt für Kultur.

»Fremdgehen«, nennt er das.

»Indirekte Kulturförderung«, entgegnet sie. Nur weil sie dort arbeite, könne er überhaupt malen. Sie würde auch lieber Kunst machen, und bestimmt nicht mal schlechte. Das haben auch ihre Freundinnen bezeugt. Aber gekocht und abgewaschen hat er bereits und finanziell bringt Abwaschen nichts ein. Da kann man lange von Gleichberechtigung reden. Jemand muss auf’s Amt, und sie war die bessere Schülerin. Sie meint, nur wegen schlechten Schülern gäbe es überhaupt so etwas wie die Kunst. Da könne sich jeder gute Noten einbilden.

»<Spüli Soft> und Weltruhm geht eben nicht zusammen. Ich muss nach Tunis. <TUI> hat ein Sonderangebot«, sagt er. – Und sie bloss, »du trinkst zu viel.«

Seine Bilder stapelt er auf dem Dachboden. Fein säuberlich katalogisiert nach Jahr, Stil und Relevanz. Damit es seine Erben dereinst leichter haben, an die Millionen zu kommen. Sie sagt, Kochen sei auch Kunst. Er sagt, »Blabla.«

Sie erzählt vom Tag, und dass sie auf dem Amt die jährlichen Stipendien an junge Kunstschaffende vergeben hätten. Ob Kunst neuerdings eine Frage des Alters sei, statt von innerer Notwendigkeit, will er wissen. Er ist 42 und wiederholt das von der inneren Notwendigkeit.

Sie sagt, damit seien noch keine Kinder grossgezogen.

Er sagt, das vielleicht nicht, aber nur innere Notwendigkeit ver­ändere die Welt.

»Welche Welt meinst du«? fragt sie.

Zum Fussball geht er nicht mit seinen Kids. Er malt mit ihnen und gibt seine künstlerischen Gene weiter. Doof, findet sie das. Einfach nur doof und fügt »realitätsfremd« an.

»Soll ich ihnen etwa beibringen, wie man Stipendien an ange­passte Emporkömmlinge vergibt«? kontert er. – Nein, Fussball würde ihr genügen.

Gesagt hat sie es nicht, aber gedacht: Künstler sollten kastriert werden. Dann könnten sie von ihr aus nach Tunis.

Aber sie war halt verliebt. Auch in seine Bilder. Aus einer leeren Fläche konnte er einen tropischen Regenwald machen, Wüsten, Eisberge und Unterwasserwelten. Alles. Aus nichts als einer leeren Fläche. Er war ein Zauberer, und sie ging mit ihm auf innere Reisen. Auch im Bett. Dann wurde sie das erste Mal schwanger. Sie hatten sich beide gefreut.

Wäsche aufhängen kann er. Das räumt sie heute noch ein. Er räumt ihre 6’340.- pro Monat ein. Obwohl man die versteuern muss. Damit es für junge Kunstschaffende auch noch reicht. Nebst neuen Kampfflugzeugen.

»Du bist nur neidisch«, sagt sie.

»Nein, ich bin unterschätzt!«

Die Wochenenden sind meistens schön. Das Amt hat zu. Zwar findet er, als Künstler sei man Tag und Nacht und sieben Tage die Woche Künstler. Doch weil er die Malerei als seinen Beruf betrachtet, macht auch er samstags-sonntags frei. Man lebt wie andere Paare auch, kocht zusammen und geht mit den Kindern raus. Er tollt mit ihnen herum. Ihr Gebiet ist das weniger, und sie beneidet ihn. Dafür ist sie im Sich-Sorgen-machen besser. Die Kleinen quietschen vor Freude. Die sind auch rund um die Uhr Kinder.

Jetzt will sie auf dem Dachboden auch Platz für sich und nimmt sich grossflächige Zeichnungen im Stil von Höhlenmalereien vor. Das geht zu weit. Wenn Paul Klee ein eigenes Museum be­kommt, stehe ihm wenigstens ein Dachboden zu. Aus ihren Höhlenmalereien wird dann doch nichts. Wegen zu viel vertaner Lebenszeit am Bildschirm im Amt für Kultur. Dort macht sie heimlich die Geliebten der jungen Kunststipendiaten ausfindig und schreibt sie an: »Hände weg von Künstlern, fallt nicht drauf rein! Ich rede aus Erfahrung.« Im Amt ist das aufgeflogen und hat Konsequenzen. Sie wird um eine Lohnklasse herabgestuft. Jetzt muss er die Würste bei <Lidl> kaufen. Den Wein bezahlt er mit dem Rabatt. Sie braucht nicht zu wissen, dass die Wienerli herabgesetzt sind. In nächster Zeit gibt es vor allem das.

Nach dem Patzer muss sie auf dem Amt jetzt eine gute Falle machen und braucht neue Kleider. Auf den Stoff der alten malt er: Sie. Nackt und nur aus schöner Erinnerung.

Sie schaut ihm beim Wäscheaufhängen zu und macht davon eine Skizze. Er zerreisst sie. Im Gegenzug zersticht sie auf dem Dachboden mit dem Rüstmesser vier seiner Bilder. Natürlich genau jene vier, die er nächstens verkauft hätte. Er besteht darauf, dass sie ihm die abkauft. Aus der gemeinsamen Kasse. Mit den 8’450.- Franken prahlt er noch lange.

Auf einem der Bilder war der Regenwald drauf. Papageien, Affen und exotische Farne. Malen kann er alles – ausser Geldscheinen. Ihr zuliebe versucht er es. Es gibt keine spannenden Bilder. Darüber sind sich beide einig. Und sie ist erleichtert, dass sie ihre Höhlenmalereien nicht beweisen muss.

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