Studerli

Es war eine Nacht, wie man sie noch 50 Jahre später seinen Enkeln erzählt: Auf dem Susten, mindestens minus 20 Grad, und das Schlimmste war, dass es saumässig regnete. Mit dem Regen muss damals schon etwas nicht gestimmt haben, denn sonst hätte es geschneit bei den minus 20. Oben auf dem Susten sowieso.

Besonders gesprächig war Studerli nicht. Ich meine, man kann doch reden mit den Leuten. Ich jedenfalls habe dem Unter­suchungsrichter alles gesagt. Auch das kleinste Detail. Man weiss ja nie, ob es nicht gerade darauf ankommt. »Was arbeitest du eigentlich«, fragte ich den dunklen Pelerinenhaufen, in dem Studerli steckte. »Maschinenzeichner.« So gegen Mitternacht, wir waren schon steif vor Kälte und Nässe, habe ich dann noch erfahren, dass Studerli nebenher das Abendtech macht. Ge­sprächiger war er deshalb nicht. Erst als ich zweimal fragte, »Wo«? und »Wo denn«? hat er »Winterthur« gesagt. Mehr als ein Wort auf einmal war aus dem nicht herauszubekommen. – Hatte ich ein Pech, mit so einem Wache schieben zu müssen. Eigentlich hiess er ja Studer, aber weil er so klein und dünn war, nannten ihn alle Studerli. Es war, glaub ich, sogar der Kadi, der damit angefangen hatte. Und wir fanden das eine gute Idee.

Irgendwie sah Studerli auch krank aus. Vielleicht wegen der vielen Arbeit am Tech, und auf seinem Brillengestell lagen immer ein paar winzige Schuppen. Natürlich konnte man das nur am Tag sehen oder bei Licht. Jetzt sah ich nichts als einen dunklen Haufen neben mir, dem man jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen musste. »Scheisswache, nicht, Studerli?« – »Hast du das Lauberhornrennen auch gesehen, Studerli?« – »Sag mal Studerli, welche Musik hörst du gerne?« Oh ja, ich war durchaus bereit, auf ihn einzugehen. Reden verkürzt die Zeit. Zwar war Musikhören auf der Wache verboten, darüber reden aber nicht. Es soll mir keiner sagen, es gäbe keine Musik, die er gerne höre. Über Musik lässt sich immer reden. – Wenn man nur will. Studerli wollte nicht. Kann sein, dass ihm meine Fragerei auf die Nerven ging. Aber wer nicht über Musik reden will, ist ein trauriger Mensch, dachte ich. Aus heutiger Sicht verstehe ich das besser. – Es musste so kommen.

In unserem Trupp war Studerli immer der Hinterste, und alle fluchten über ihn. Aber der Leutnant, Leutnant Isenring, meinte, »Seid doch froh, dass Studer der Letzte ist. Dann seid ihr’s nicht.« Isenring war übrigens der Einzige, der ihn konsequent Studer nannte. Darum hatte Studerli ersucht, damals beim Hauptverlesen. Der Kadi hat das dann auch als Befehl heraus­gegeben. Daran gehalten hat sich ausser Isenring keiner. Auch der Kadi nicht.

»Was hältst du vom Militär, Studerli?« Keine Antwort. Das war so um halb drei herum. »Ich find’s einen Scheiss. – Du etwa nicht?» wollte ich ihn zum Sprechen bringen, denn ich war sicher, dass er nicht schlief. Studerli war gewissenhaft. »Nehmen wir nur mal den Krieg, Studerli, denn dafür ist das Militär ja da. Im Krieg gewinnt einfach immer der Stärkere. Es kann, muss aber nicht unbedingt der Gleiche sein, der recht hat. Die Wahrscheinlichkeit beträgt genau 50%. Und für diese lausigen 50% frieren wir zwei uns hier oben auf dem Susten den Arsch ab.« Wieder kein Mucks. Nach den Umrissen seiner Pelerine zu schliessen, schaute er einfach in die Nacht hinaus. Warte nur, Bürschchen: »Ich finde das Militär super!« Studerli liess sich zu keiner Widerrede hinreissen. Arschlangweilig, mit so einem Wache zu schieben. Wenn wenigstens jemand unser Materialdepot angegriffen hätte. Aber nichts, nur dunkel, nass und das Prasseln auf zwei Pelerinen. Natürlich habe ich dem Untersuchungsrichter gesagt, dass Studerli nicht reden wollte. Doch das haben ihm alle anderen vor mir bestimmt auch schon gesagt. Ich hielt es jedoch für angebracht, dem Untersuchungs­richter gegenüber nicht von Studerli, sondern von Studer zu reden. Einmal habe ich mich versprochen, und der Unter­suchungsrichter hat mich zurechtgewiesen. Das kann ich verstehen, nach dem, was passiert ist.

Studerli rauchte auch nicht. Wenn ich ihm eine Zigarette anbot, schüttelte er nur den Kopf. Ich hörte es an seiner Pelerine. Zweimal noch hatte Studerli am Hauptverlesen beantragt, dass er Studer genannt würde. Immerhin vor knapp 400 Mann. Wie da gegrölt wurde! Da geht es um Krieg und Frieden, Gedeih und Verderben, Ausgang oder Scheisseputzen und mitten in diese weltbewegenden Dinge hinein stellt einer, einer von knapp 400, das Begehren, Studer genannt zu werden.

»Magst ein Stück Schoggi, Studerli?« Für eine dreiviertel Sekunde, für die Dauer von einem knappen »Merci«, opferte ich meine halbe Schoggi-Ration. Lieber allein Wache schieben als mit Studerli. Lieber hundert Susten als ein Studerli. Zwischen­durch wurde ich richtig wütend auf ihn. Frisst einem die halbe Schokolade weg und sagt nur »merci.« Ist das etwa Solidarität, Kameradschaft? Aber Leutnant Isenring meinte, Studer habe bestimmt auch positive Seiten, die lägen halt einfach nicht auf militärischem Gebiet. Er, Isenring, gebe das zu bedenken, und jetzt sollten wir verdammtnochmal schauen, dass wir beim Schiessen auf unsere Punkte kämen. »Los Giele!«

»Sag Studerli, hast du eine Freundin?« Ich merkte, dass er mich anschaute. Ich sah es an der Drehung seines Sturmhelmes. Seine Augen konnte ich im Dunkeln nicht sehen. »Warum?« Zum ersten Mal in dieser ganzen Nacht hatte Studerli mal mich etwas gefragt. Damit stand es etwa 3’576 zu 1. Das war um 20 vor fünf. »Nur so« sagte ich, »es gibt Leute, die wollen wenigstens über Frauen reden, wenn sonst schon über nichts. Also, hast du eine oder nicht?« – »Ja.« Damit war es wieder eine verdammte dreiviertel Stunde still. »Geht sie auch auf’s Tech?« – »Nein.« – »Erzähl doch, Studerli, wie ist sie? Blond oder eher dunkel? Ist sie dick, dünn, bieder oder verrucht? Spitz, wenn du am Wochenende nach Hause kommst? Schliesslich ist man nicht umsonst wochenlang nur unter Männern. Ich muss doch wissen, was ich zu verteidigen habe,« sagte ich. Doch dieser Studerli – er schwieg.

»Gib mir meine Schokolade zurück, Studerli! Gib mir augen­blicklich meine Schoggi zurück!« Aber er drehte sich nur von mir ab und schaute in die minus 20 hinaus. Ich weiss nicht, was mich dann geritten hat, und dem Untersuchungsrichter habe ich davon natürlich nichts gesagt. Jedenfalls merkte ich plötzlich, dass ich mein Gewehr in den Händen hatte und auf Studerli richtete: »Meine Schoggi!!!« Studerli sah mich an, dann steckte er den Finger in den Hals und kotzte mir alles zwischen die Ordonanzschuhe. Das Gekotze war im Nu gefroren. Daran änderte auch der Regen nichts, und ich tat etwas, was mir heute noch schleierhaft ist. Ich sagte: »Entschuldige, Studer.«

Der Untersuchungsrichter wollte wissen, was sonst noch vorgefallen sei in jener Nacht. Ich sagte, ich hätte Studerli erst beim Hauptverlesen am Morgen wieder gesehen. Das Material­depot sei auch in dieser Nacht nicht angegriffen worden. Er wäre mir beim Hauptverlesen in den 400 Mann auch gar nicht aufgefallen, wenn er auf die Frage des Kadis, ob noch einer eine Frage habe, nicht die Hand aufgesteckt hätte. Der Kadi grinste und mit ihm die ganze Kompanie: »Ja, Studerli?« Studerli trat zwei Schritte vor: »Ich möchte gerne wissen, wie ich heisse.« Alle, auch der Kadi, konnten sich nicht mehr halten vor Lachen. Da richtete Studerli sein Sturmgewehr nach vorne. Dem Kadi fror sein Lachen ein: »Machen Sie keinen Seich, Studerli! Einfach keinen Seich!«

Am Nachmittag war dann ein furchtbares Durcheinander. Die Heerespolizei kam angerauscht. Unseren Ausgang konnten wir vergessen, durften aber in der Kantine fernsehen. Einer nach dem anderen wurde zum Untersuchungsrichter gerufen. Es ging dem Alphabet nach.

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