Spanien

Die Schweiz mochte ich nie besonders. Seit ich in Spanien lebe, ist das anders: Im Sommer zu heiss, im Winter keine Zentralheizung. Und wenn man keine andere Schweizer trifft, kann man mit niemandem reden. Calpe ist die Hölle. Aber was soll ich machen? Seit der Finanzkrise kauft mir keiner meine Bude ab. Ich sitze hier fest. Die Lebenskosten steigen, und die Spanierinnen in meinem Alter sind alle verheiratet. Hier leben die Männer unter sich. Die Frauen auch. Da gibt es keine Überschneidungen wie bei uns. Das habe ich zu spät gemerkt. – Auf Spanien fällt man leicht herein.

Deshalb fahre ich so oft ich kann in die Schweiz. Esther gibt mir Asyl. Unterdessen tragen wir einander nichts mehr nach.
Kaum bin ich in Genf über der Grenze, gehe ich jedes Mal als Erstes auf Toilette. Es gibt ein untrügliches Zeichen, dass man in der Schweiz ist: An jeder Kabinentür hat es innen einen Haken. Keine Ahnung, wo der Rest der Menschheit beim Stuhlen seine Jacken und Mäntel hintut. Besonders appetitlich ist das sicher nicht. Deshalb hat die Schweiz weltweit die niedrigste Diarrhö-Rate. Ich finde, das sagt über ein Land etwas aus. Oder das Kochsalz: Global verklebt. In der Schweiz rinnt es flockig aus der Packung. Wie Schnee. Ich könnte die Nationalhymne singen!
Hatten wir je einen Franco? – Nein, wir hatten Furgler, Ogi und Couchepin. Jetzt Karin Keller-Sutter. Den Spaniern merkt man die Diktatur heute noch an. Wie die mich anschauen, wenn ich mit meinen Schweizer Kennzeichen vorfahre. Ich habe den Wagen noch immer in Bern gelöst. Den spanischen Versicherungen traue ich nicht, und wenn ich mal zu schnell gefahren bin, kann ich mich auf Schweizerdeutsch herausreden. Das Land ist auf Touristen angewiesen und drückt ein Auge zu. Ist das etwa nicht korrupt? Schlimm nicht, klar, aber damit fängt’s an: beim Autofahren. Denen macht es nichts aus, auf der Fahrbahn zu parken. Sie werfen den Warnblinker an und verschwinden in der Bar. Am Parkverhalten erkennt man eine Nation, das habe ich schon immer gesagt. In der Schweiz braucht keiner falsch zu parken oder sich mit Somalisch, Serbokroatisch oder Arabisch rauszureden, um seiner Strafe zu entgehen. Da herrscht Rechtsgleichheit. Schliesslich sind wir nicht umsonst neutral und meiden die EU. Am Franken zweifle ich nicht.
Solche Dinge sieht man eben nur von aussen. Und lernt sie zu schätzen. So gesehen ist es gut, dass ich nach Calpe gezogen bin. Jetzt weiss ich, was ich an der Schweiz habe: Ich kann «Grüessech» sagen, und es kommt «Grüessech» zurück. Kein «Holà oder «Buenas dias». Nur wer je im Ausland gelebt hat, weiss, was so etwas für einen bedeutet.

Ein Meer braucht die Schweiz nicht. Wir haben Berge und Seen. Hunderte von Seen. Wieso soll ich Trinkwasser gegen versalzenes eintauschen? Das klebt dann an der Haut, vermischt sich mit Sonnenöl und Sand und brennt in den Augen. Man muss sofort unter die Dusche. Sonst fällt der Pelz ab. Ist doch ein Witz, nach dem Baden noch zu duschen.
Und das Essen! Mann, da schmeissen die doch den ganzen Abfall der Woche in gelben Reis und nennen es «Paella». Bei denen ist Abfall das Nationalgericht, das stelle man sich mal vor. Gut, in Italien heisst das Pizza, aber ich bin nicht in Italien. Ich bin in Spanien, das ist hart genug. Brauche ich etwas, kommt von denen «mañana>. Wer’s glaubt, wird selig. Und dann läuten die mich anderntags prompt um halb acht in der Früh aus dem Bett! – Nicht mal das Klischee erfüllen die!
«Mañana, mañana». Bin ich schwerhörig? Alles sagen die dreimal, in der Bar viermal und immer lauter, als ginge es um Leben und Tod. Nur mit Temperament allein ist das nicht zu erklären.
Überhaupt dieser Krach. Wie oft habe ich dem Nachbarn schon gesagt, er soll bittesehr seine Musik ab 22 Uhr leiser stellen. Aber um diese schlaftrunkene Zeit essen die ja erst. Und gehen mit vollem Magen ins Bett. Spanien ist ungesund, mögen da noch so viele Rentner aus dem Norden behaupten, sie würden ihr Rheuma nicht mehr spüren. Habe ich etwa Rheuma? In der Schweiz sagt mir niemand, ich sei willkommen, bloss weil sie Rheuma vermuten, das ich gar nicht habe. So verlogen ist die Schweiz nicht. Definitiv. Mag der FC Basel gegen Barcelona verloren haben, ein Land, das auf Fussballer setzt, hat ein Problem. Die Schweiz dagegen hat es nicht nötig, ihre Erfolge vor sich her zu tragen. Wir können auch mal unentschieden spielen, bleiben bescheiden und haben Kleiderhaken in den Toiletten. Kein Grund, sich zu verstecken.

Zugegeben, ihre Orangen sind besser als bei uns. Jeden Morgen presse ich mir meinen Saft. Aber kaum geh ich ausnahmsweise mal aus dem Haus, steht da schon die nächste Kiste vom Bauer vor der Tür. Was zum Teufel will der von mir? Ob ich am Morgen Orangensaft mag oder nicht, geht den doch nichts an. Aber nein, man muss sich noch bedanken. Für alles muss man sich hier bedanken, bloss weil man sich halt nicht so gut auskennt wie zuhause, und der Dumme ist. Auf der Bank «gracias», auf der Gemeinde « gracias», sogar beim Rechnungen bezahlen «gracias». Es würgt mich in der Kehle.

Dann diese Küsserei. Ganz am Anfang war ich mal bei einem Spanier eingeladen. Seine Tochter kam dazu und wurde mir vorgestellt. Da gibt die mir doch glatt zwei Küsse auf die Backen! Ohne mich vorher je gesehen zu haben, zweimal. – Was ist das denn?! Gut, auf der Strasse hätte ich ihr möglicherweise hinterher geschaut. Aber Küssen ist übergriffig. Wieso ich ihren Namen heute noch weiss, ist mir nicht klar: Demelsa. Ein zweites Mal eingeladen wurde ich nicht. So sehen die das also mit der Gastfreundschaft. In der Schweiz verküsst nicht gleich jeder jeden. Dafür wird man später wieder eingeladen, und küsst sich erst beim vierten oder fünften Mal. Wir sind keine Heuchler. Wir sagen und küssen, was wir denken. Esther zum Beispiel küsse ich schon lange nicht mehr. Wozu auch?

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