Schuhe

Wenn man am Boden sitzt, gibt’s auf der Welt nur eines: Schuhe. Braune, schwarze, ledrige, teure, eilende, schlendernde, modische, andere weniger, offene, solche mit Absätzen und solche ohne. Ich habe gelernt, sie einzuschätzen. Meistens weiss ich, was es oberhalb der Schuhe zu sehen gäbe. Das kommt mit den Jahren. Ich brauche nicht mehr aufzuschauen. Ich weiss, ob eine Münze fällt oder nicht. Schuhe sind verräterisch. Manchmal errate ich sogar den exakten Betrag. Dann geht der Batzen ins Kässeli für Extras. Mal wieder duschen oder so. Seit ich bettle, denke ich oft über Geld nach. So viel ans Geld denken nur die Ganzarmen und die Ganzreichen. Das haben wir gemeinsam.

Schon lange schaue ich nicht mehr auf, wenn ich «märci» sage. Mein Blick ist den Leuten peinlich. Das schnallt man bald einmal. Allerdings wechsle ich immer hin und her. Zwischen «märsi» und «dankä.» Ist gut gegen die Routine, weisst du. Es gibt aber auch Tage, da ist nichts von beidem nötig. Mit den Schuhen hat das aber nichts zu tun. Gegen Monatsende wird’s bei manchen eng. Die Leute habe es ja auch nicht leicht. Vor allem nicht gegen Monatsende. Da tun sie mir leid. – Sag einfach, wenn du was brauchst.

Am Anfang bin ich noch gestanden. Aufrecht. Wegen dem Stolz und so. 8 bis 10 Stunden stehen, geht aber ganz schön an die Knochen. Kannst du mir ruhig glauben. Ich weiss nicht, wie Verkäuferinnen das machen, oder Serviererinnen. Es sind ja meist Frauen. Wohl deshalb. Frauenkörper sind robuster. Wegen der Geburtswehen. Eine Geburt stehst du mit Stolz allein nicht durch.
8 bis 10 Stunden sind auch im Sitzen lang, und ich brauche keine Gesichter mehr zu sehen.

Manche meinen, ein Gespräch sei besser. Der Mensch lebe nicht vom Brot allein. Das sind die sensiblen Schuhe. Aber geizig. Sie glauben, mit Mitleid sei es getan.
Die Schlimmsten aber sind jene, die sich für mich interessieren. Wie das alles gekommen ist, geht keinen etwas an. Immerhin sind diese Schlimmsten hübsch spendabel. Sie lassen sich meine Story etwas kosten. Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich sei Entertainer. Oder Schriftsteller. Die lassen sich für ihre Stories ja auch bezahlen. Oder subventionieren. Heute denke ich nicht mehr so. Wie das alles gekommen ist, geht keinen etwas an. Ich lasse es also, das mit der Notschlafstelle. Wo ich penne, ist meine Sache. Und wofür ich mein Geld ausgebe, sowieso. Wenn es auf meinem Tuch liegt, gehört es mir. Ich brauche keine Ratschläge.
Es gibt auch welche, die sind schlicht zu faul, ihren Geldsack auszupacken. Das sehe ich ihren Schritten an. Auch, dass sie sich danach ein kleines Bisschen schämen. Umgedreht ist aber noch keiner. Zumindest bisher nicht. Es ist kompliziert mit dem Geld.
Es gibt Schuhe, die bilden sich auch noch etwas ein auf ihren Geiz. Die erkenne ich schon von Weitem. Immer die gleiche Art Schritt. Einmal habe ich mich bei einer von denen bedankt. «Märsi vielmal!» – Sie: «Ich habe nichts gegeben.» Ich: «Nein, aber danke dafür, dass Sie mich vom Heroin abhalten.» Das war vor Jahren. Heute lass ich solche Spässchen. Zu anstrengend. Wenn man nicht verstanden wird, sowieso. Ich nehme keine Drogen. Armsein geht auch anders.

Da kommen endlich doch noch die guten Schuhe. Piekfein und Bingo! Ein satter 50-er. Den lass ich natürlich sofort verschwinden. Sonst wird mir mein Reichtum zum Verhängnis. Der 50-er hat’s kapiert. Der weiss um meine gesellschaftliche Bedeutung. Ohne Bettler ginge wirtschaftlich rein gar nichts. Denn einer wie ich zeigt den Schuhen und ihrem Oberdran, dass sie es zu etwas gebracht haben. Das macht stolz und weiterhin so fleissig. Und ich zeige ihnen, dass sie dranbleiben müssen. Hopp-hopp! Und gehorsam. Sonst sitzen sie bald neben mir. Mit ihrem Stück Tuch. Ich stelle jedenfalls fest, dass die Schuhe von Jahr zu Jahr schneller gehen. – Wegen mir. Dem abschreckenden Beispiel. Ich bin es, der das Bruttosozialprodukt steigert. Ein angemessener Lohn wäre da schon nicht verkehrt. Aber das geht natürlich nicht. Das sehe ich ein. Sonst bräuchte dann keiner mehr zu betteln. Und ohne Bettler bricht die Wirtschaft ein. – «Märsi, dankä gäu. Ä Schöne no.»

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