Mops

Warum ich so dick bin?  Meine Mutter kaufte Süssigkeiten. Sie wollte, dass ich Freunde habe. Aber kaum hatten die genug geschleckt, waren sie wieder weg. Der Rest der Tüte blieb für mich. Mit zusammengepressten Beinen stand ich allein mitten auf dem Pausenhof und stopfte in mich hinein. Der Pausenhof kam mir gross vor. Die Pause und die Tüte auch. Aber ich war froh, hatte ich etwas zu tun. So fiel es weniger auf, dass ich den andern beim Herumtollen zuschaute. Hunziker war der An­führer. Manchmal machte ich auch einfach die Augen zu, um nicht hinschauen zu müssen. Dann ass ich blind.

Meine Mutter hatte ja nur mich. Da durfte ich sie nicht ent­täuschen und schwärmte ihr von meinen Freunden vor. Wie wir herumtollten und so, und dass ich den Dani Hunziker am liebsten möge. Die Mutter wollte alles ganz genau wissen und freute sich, dass ich so beliebt war. »Zu deinem Geburtstag darfst du sie alle einladen. Die scheinen sehr nett zu sein.« – Mein Geburtstag war zum Glück erst im Dezember. Am 22.

Ich ging auseinander. Zuerst nannten sie mich <Mops>, dann <Fettsack>. Ich stinke. Von so einem wollte bald keiner mehr Süssigkeiten, und die ganze Tüte blieb allein für mich. Im Sport war ich dann halt nicht so besonders, und keiner wollte mich im Team haben. Das verstand ich. Danach mit den anderen in die Dusche traute ich mich nicht. War zu klar, was sie sagen würden. Das mit dem Gestank wurde schlimmer. Der Mutter sagte ich davon nichts. Ich dachte, wenn mich die Klassenkameraden nicht leiden können, kann es meine Mutter auch nicht.

Sie vermutete ein Stoffwechselproblem und ging mit mir zum Arzt. Der sagte, es sei alles in Ordnung, ich esse nur viel zu viel Süsses. Die Mutter wurde wütend, ich würde immer mit meinen Freunden teilen! Dr. Niederer kannte das wahrscheinlich und sagte nichts. Ich war froh. Da liess ich mich lieber in der Schule plagen.

Dann wurde es Dezember. Die Mutter sagte, ich solle für die Geburtstags-Einladung eine Zeichnung machen. Im Zeichnen war ich gut, hatte aber Angst, sie würden mich wieder auslachen. Deshalb pauste ich nur durch. So konnte ich sagen, die Zeich­nung sei nicht von mir. Einen fliegenden Adler, zwanzigmal kopiert. Verteilt habe ich die Adler nicht. Ich versteckte sie in der Schublade von meinem Pult, und die Mutter machte Kuchen und kaufte Tischbomben. Ich wusste nicht, wie ich da wieder heraus kommen sollte und schlief jede Nacht schlechter.

Es war ein blöder Zufall, dass die Lehrerin die Einladungen in meinem Pult entdeckte. Sie fand sie wunderbar und las sie der ganzen Klasse vor. Da geschah tatsächlich ein Wunder. Alle wollten kommen. Alle! Es war sogar der Hunziker, der als Erster die Hand aufgestreckt hatte. Dann einer nach dem anderen. Ich weiss nicht, ob ich jemals so glücklich gewesen war und jemals wieder so glücklich werden würde.

Am 22. war alles schön dekoriert. Girlanden, Lametta, Ballone und Kerzen. Die Mutter hatte schon immer gesagt, ich sei ein Weihnachtskind. Wir sassen im Wohnzimmer und warteten. Sie tröstete mich, so knapp vor Weihnachten seien eben alle sehr beschäftigt. Geschenke besorgen, basteln, schön einpacken und so. Sie würden sich bestimmt nur etwas verspäten.

Dann assen wir die fünf Schokoladekuchen auf. Wir beide, meine Mutter und ich.

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