Manchmal sogar zwei Küsschen

Seit dem Tod von Gertrud ist es einfach nicht mehr dasselbe. Klar, die Aussicht war schön. Und das Personal nett. Aber knapp. Immer in Eile. Nett schon. Auch wenn sie kaum ein Wort deutsch sprachen: »Geht’s?«, »Tuet es weh?« oder »Haben Sie gut geslaft?« – Ein Leben war das nicht.
Jetzt lass ich meine Rente nach Thailand überweisen. In die Nähe von Chiang Mai. Einer wie ich findet überall Freunde. Immer warm und im Garten blüht’s das ganze Jahr. Ich habe den Birkenweg verkauft und mir hier etwas besorgt. Mit Palmen und grösser als in Biel. Ebenerdig, wegen der Lunge. Der setzt die hohe Luftfeuchtigkeit hin und wieder zu. Doch besser Luft­feuchtigkeit als Treppensteigen.

Vorher hatte ich mir noch das Lotus-Well in Hua Hin angesehen. Deutschsprachig und all inclusive. An den Wänden Bilder von Bergen und Kühen auf saftigen Alpen. Es gibt dort Leute, die sind überzeugt, sie seien noch in der Schweiz. Doch einen Pool brauch‘ ich nicht. Auch keine Polonaise.
Der Betreiber vom Lotus Well hat mir dann dieses Haus hier vermittelt. Ich sei ja noch nicht dement. Die Art, wie er »noch« sagte, hat mir nicht gefallen.
Die Möbel habe ich in der Schweiz gelassen. Erinnern mich nur an Getrud. 33 Kilo Gepäck muss genügen. Die Hälfte davon Bücher.

Es ist nicht mein Fehler, wenn die Welt ungerecht ist. Meine Rente reicht hier für mich. Samt Yuna. 24 Stunden. Rund um die Uhr. Vor acht Monaten habe ich sie zu mir genommen. Aller­dings habe ich zuerst ihren Mann gefragt. Das gehört sich so in Thailand. Er war einverstanden. Gibt der Familie ein Aus­kommen. Nun übernachtet er hin und wieder auch bei mir. Das Haus ist gross genug, und ihre Kinder sind draussen.
Yuna ist auch nett. Sie lächelt oft. Wie alle hier unten. Das Nötigste geht auf Englisch. Ich würde sogar behaupten, ihres sei besser als meines. Aber wir sind ja nicht in einem Sprachkurs. Kochen kann sie ausgezeichnet. Ich bin nicht einer, der dauernd Rösti braucht. Meine Ration würzt sie weniger. Kann einem aber immer noch den Schweiss treiben. Für ihren Teller bräuchte sie bei uns einen Waffenschein.

Wenn ich vor dem Rausgehen am Morgen nicht duschen will, mach ich es eben nachmittags. Hier wird der alte Mensch noch geehrt. Es ist selbstverständlich, dass man für seine Eltern sorgt. Wofür ich die AHV habe, haben sie in Thailand Kinder. Seit es diese westlichen Seniorenheime gibt, nimmt das aber auch ab. Asien lernt bekanntlich schnell.
Seit Kurzem habe ich Fernsehen. Ab und zu die Tagesschau. Hat bei den Behörden aber ewig gedauert und ist massiv überteuert. Das ständige Lächeln friert schnell mal ein, wenn man sich beschwert. Ich habe dann anders nachgeholfen. Das zieht auf Ämtern immer. Aus der Politik und so halte ich mich aber raus. Damit bin ich schon zuhause gut gefahren.

Für mich ist gesorgt. Auch wenn mir Getrud fehlt. Das würde sie aber auch daheim. Da bin ich sicher. Viel Pflege brauche ich zum Glück noch nicht. Vielleicht zwei, drei Stunden am Tag. Yuna macht das gut. Bei uns braucht man dafür eine Ausbildung. Thais haben das im Blut. Sagt man jedenfalls.
Über Yuna bin ich froh. Sie ist ehrlich. Von Grund auf. – Vielleicht sogar ehrlicher, als Getrud es war. Auch wenn ich das nicht so gern sage.
Mit den Freunden ist es so eine Sache. Will nicht recht klappen. Ein deutsches Paar, drei andere Schweizer und ein Holländer. Den ganzen Tag Kartenspielen, ist aber nicht so meins. Ausser­dem trinken sie zu viel. Meist schon am Vormittag. Nach und nach ist es bei mir dann auch mehr geworden. Freundschaften tut das nicht gut. Jetzt trinke ich lieber allein.

Eine Thai… Natürlich kam das zuhause nicht speziell gut an. Da denkt jeder gleich an Bangkok. Bums-Jet und so. So einer bin ich nicht. Nie gewesen. Das darf ich von mir ruhig sagen. Entweder wäre mir die Frau zu schade oder ich mir selbst. Es wäre aber gelogen, wenn ich abstreiten würde, dass mir Yunas Berüh­rungen guttun. Das wäre gelogen. Manchmal sogar zwei Küsschen. Sie weiss, dass man das in Europa so macht.
Ich habe mir auch schon vorgestellt, wie es sein könnte, wenn Yuna… – wie soll ich sagen? – wenn sie keinen Mann hätte und so. Das darf man aber nicht laut sagen. In keiner Kultur. Mit Thailand hat das nichts zu tun.

Joop, der Holländer, sagte, »die Ladies hier wollen nur dein Bestes. Aber das befindet sich nicht auf der Vorder-, sondern auf der Rückseite deiner Hose.«
Die Zahl jener, die scheitern, sei hoch. Immer wenn sie sich verlieben. Hier unten heirate man den ganzen Clan mit. Dann könnten sie es finanziell nicht stemmen und stürzten sich vom Aussichtsturm. Er selbst sei auch schon oben gestanden.
Ich habe nicht vor, mich zu verlieben. Die grosse Liebe wäre es sowieso nicht. Ist doch verrückt anzunehmen, dass sich eine 20-Jährige in einen 80-Jährigen verknallt. Das ist Quatsch.
Yuna ist jetzt 45.

Pro Jahr können 150 bis 180 ausländische Senioren nicht iden­tifiziert werden. Weil niemand ihre Bestattung bezahlt, kommen sie in Massengräber. – Ich muss dagegenhalten!

Wären die Tage in Biel weniger lang? Ich rede jetzt oft mit mir selbst. Von den Kindern war noch keines da. Immerhin nun auch schon zweidreiviertel Jahre. Yolanda fliegt nicht. Wegen dem Klima. Wir haben lange darüber geskypt. Jetzt sind die Skypes weniger geworden. Ich glaube, es ist ihr ganz recht, dass ich aus dem Weg bin. Sagt sie natürlich nicht, und nach Berlin zu ihrem Künstler nimmt sie den Zug.
Véronique ist halt eingespannt. Obwohl die Kleinen nicht mehr klein sind. Und im Urlaub fahren sie und Leo nach Norwegen. Das hat so Tradition bei denen. Sie langlaufen gern und brauchen das für ihre Work-Life-Balance. Und schliesslich seien nicht sie es, die weggezogen sind. Da hat Véro recht.
Mit Philipp war es ja immer schon schwierig. Erst recht, seit er das Geschäft übernommen hat. Da ist der Bankrott vorpro­grammiert. Zu dünnhäutig, der Bub. Ein Träumer. Hat es mit der Realität nicht so. Aber er mag es nicht, wenn ich das sage. Also halte ich den Mund. Und er auch. Seit ich weg bin, haben wir keinen Kontakt.
Auf Besuch seiner Kinder warten kann man auch in Biel. Es ist mir recht, bin ich am anderen Ende der Welt. Da haben sie einen Grund für ihr Wegbleiben. Und ich auch.

Die Enkel vermisse ich schon. Mitzubekommen, wie sie ins Kraut schiessen, wie sie sich verlieben, ihr Studium machen und so. Das wär schon schön. Auch Weihnachten. Aber dafür bin ich zu weit weg. Wahrscheinlich nicht nur geografisch. Klar, sie sind auf Instagram und so. In meinem Alter wird aber nicht jeder mit sowas warm. Gertrud hätte bestimmt noch mehr darunter gelitten, die Enkel nicht um sich zu haben. So gesehen ist es gut, ist sie vor mir gestorben. Ich unterstütze jetzt die Schule im Nachbardorf.
Es kommt vor, dass ich Yuna von Gertrud erzähle. Sie versteht mich nicht. Das liegt nicht nur an meinem Englisch. Besser, ich mache meine Selbstgespräche. Das geht auf Deutsch. Yuna steht dann jeweils etwas abseits und hört auf den Klang. Kann sein, dass sie in der Schweiz ein Musikinstrument gelernt hätte. Die Schweiz bietet mehr Möglichkeiten. Deshalb die hohen Preise. Unsereins kann froh sein über die Ungerechtigkeit der Welt.

Es stimmt übrigens nicht, dass Thais immer sanft sind. Die haben sehr wohl ihren Kopf. Nur lächeln sie beim Grobsein. »Fuck you!« oder so würden die nie sagen. Sie lächeln es in den Raum. Da muss man aufpassen. Das hängt dann in der Luft. Ohne Respekt geht bei ihr nichts. Zugegeben, gelingt mir vielleicht nicht ganz immer. Es ist nicht nur gut, wenn man sein Leben lang Chef war.

Im Sommer kann es wochenlang regnen. Mit dem kühlen Wind ist der Monsun unbeschreiblich schön. Dann überarbeite ich meine Patientenverfügung. Am meisten fürchte ich mich vor Demenz. Deshalb rede ich ständig mit mir selbst. Um zu merken, dass ich noch da bin.
Ich habe vorgesorgt. Für die Schmerzen habe ich Morphium im Schrank. Yuna weiss, wo der Schlüssel ist.
»Thank you, Yuna.« Sie hat mir soeben neuen Wein gebracht. Sie mag es nicht, wenn ich den selber hole. Die erste Flasche, ja. Die zweite: nein. Die Bodenplatten sind tückisch und an meinem Schenkelhals hängt ihre Existenz.

Ich lebe hier wie ein König. Ein Volk brauche ich nicht. Bald habe ich es über den Zielstrich geschafft. Wenn ich tot bin, werde ich verbrannt. Der Tod ist nur das Ende von allem, was noch hätte sein können. Ich hatte ein gutes Leben. Es freut mich, dass ich das heute so sagen darf. Nur Getrud hätte ich trotz allem gerne noch etwas gehabt. Dann wäre ich jetzt nicht hier.
An ein Leben nach dem Tod glaube ich nicht. Und selbst wenn, muss es denn unbedingt mein eigenes sein?

Das Telefon klingelt. Yuna geht ran. Ich denke schon: vielleicht Yolanda. Véronique oder sogar Philipp. Der Zappler. Für einen Rat. Ganz umsonst wird man schliesslich nicht alt. Und gebraucht werden, täte gut. Ich würde auch nichts mehr vom Bankrott sagen. Es ist aber Yunas Mann. Er komme heute etwas früher. Ich zieh mich zurück.
Wie es dann so weit kommen konnte, kann ich mir nicht er­klären. Es war wohl der Wein. Ich bin nicht gewalttätig, aber irgend etwas musste aus mir raus. Ich hatte diesen Grillhaken in der Hand. – Yunas Mann nicht.
Es ist mir ein Rätsel, wo auf einmal so viel Blut herkommen konnte. Aus solch einem kleinen Mann. Für seine Krankenhaus­kosten komme ich selbstverständlich auf, und die Sache mit der Polizei lässt sich in Thailand regeln.

Seither ist Yuna reserviert. Nett immer noch, aber reserviert. Seit diesem Grillhaken ist die Luft kaputt.
Ich wüsste gerne, was sie denkt. Meinen eigenen Gedanken misstraue ich immer mehr. Ich würde Yuna auch zuhören. Endlich würde ich jemandem zuhören.
Ich habe sie und ihren Mann Apichai nicht gebeten, mir den Grillhaken zu verzeihen. Sie haben es von sich aus getan. Erst da habe ich begriffen, was ich an diesem Thailand hatte: Ein Paradies.

Der Tod ist der beste Ratgeber. Jetzt ist Yuna meine Tochter. Sie schaut zum Haus, zum Garten und zu mir. Vielleicht wird sie sogar meine Hand halten, wenn ich soweit bin. Deshalb habe ich das Haus letzte Woche an sie überschreiben lassen. Das sage ich ihr aber besser nicht. Wenn sie weiss, dass ihre Existenz nicht mehr an meinem Schenkelhals hängt, kann es gut sein, dass ich die zweite Flasche selber holen muss. Auf diesem tückischen Boden… – Ganz und gar ungerecht wäre das nicht.

Philipp und Yuna sind sich dann übrigens nicht begegnet. Sie wollte bei meiner Bestattung nicht dabei sein. Philipp macht einen guten Job. Das Geschäft läuft. – Sein Glück, ist mein Theo noch nicht in Rente.

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