Justo

Justo, der spanische Nachbar, hat die Polizei gerufen. Bei denen war grad nicht allzu viel los. Also sind sie hergefahren. Als ich vom Kino komme, ist meine Wohnung schon aufgebrochen. Ich lebe allein.

Justo ist ein aufmerksamer Nachbar. Meine Damenbesuche entgehen ihm nicht. Auch nicht, dass meine Vorhänge morgens oft länger geschlossen bleiben. Sogar an Wochentagen. Das rapportiert er dann jeweils seiner Frau. Amelia. Es ist nicht wahr, dass Amelia darüber Buch führt. Das bilde ich mir bloss ein. Nicht wegen Paranoia. Wegen meinem schlechten Gewissen. Man soll seine Zeit nicht verschlafen. Bei Tageslicht träume ich aber schlecht. Die Vorhänge müssen zu sein. Ich bin Künstler. Da hat man einen leichten Schlaf und darf liegenbleiben.
Auch ist mir aufgefallen, dass Justo immer dann etwas Feines von Amelia rüberbringt, wenn ich Besuch habe. Was steckt da dahinter? Traut er mir das Kochen nicht zu? Weil er ein Mann ist? Ich habe nichts gegen Feines von Amelia. Es ist mir auch egal, ob Justo kocht. Es wäre mir einfach lieber, ich hätte meine Ruhe. Auch wenn er jeweils nicht lange bleibt.
Die Wäsche im Trockenraum hingegen geht keinen Nachbarn etwas an. Ich hänge sie deshalb in der Wohnung auf. Braucht Platz. Riecht aber gut. Amelia wäscht immer am Mittwoch. Mir ist es peinlich, dass ich das weiss. Ich fühle mich als Spitzel. Als Stasi nicht grad, aber sozusagen. – Ist Justo ein Spitzel? Immerhin Spanier, und nicht mehr der Jüngste. Hat Franco und seine Folterknechte noch erlebt. Da kann schon etwas hängenbleiben. Selbst wenn einer 30 Jahre in der neutralen Schweiz lebt. Ich weiss nicht, wie Justo politisch denkt. Manch braver Bürger entpuppt sich später als Folterknecht. Ich glaube, mein Nachbar hat Leichen im Keller. Da gilt es ein Auge drauf zu haben.

Nach seiner Pensionierung wollte Justo zurück nach Albacete. Daraus ist nichts geworden. Er ist sich Tapas nicht mehr gewohnt und weiss nicht, worüber er mit den Leuten in der Bar dort reden soll. Nach 30 langen Jahren. Und Geld aus der Schweiz schafft Argwohn und Neider.

Der Polizei tut das kaputte Schloss leid. ‚Unverhältnismässig‘, wird eingeräumt. Es gibt dafür eine Ombudsstelle. Ich bekomme die Adresse, will aber nicht, dass Justo Ärger bekommt. Solange das mit den Leichen im Keller nicht klar ist. Man weiss ja nie. Er ist Ausländer. Kaputtes Schloss und Ausländer ist keine gute Kombination. Auch wenn es nicht Justo war, der die Wohnung aufgebrochen hat.

Das Smartphone liegt auf dem Tisch. Ich hatte es vergessen, als ich aus dem Haus ging. Kommt sonst nie vor. Ich brauche mein Handy.
Ohne anzuklopfen sagt Justo: «Viermal hat jemand angerufen. Ich habe mir schon solche Sorgen gemacht, es sei dir etwas zugestossen.» – «Danke, dass du dich um mich sorgst, Justo.» – «Ist doch klar. Wozu denn sonst hat man Nachbarn?»
Und ich könne übrigens gerne meine Wertsachen bei ihm drüben deponieren, bis das mit dem Schloss wieder in Ordnung sei. «Ich hol dir gleich den Schlüssel. Geh einfach rein, wann immer du willst. Wir haben nichts zu verbergen.»

Schluss für Pessimisten: Auf sowas falle ich aber bestimmt nicht rein!

Schluss für Optimisten: Meine Wäsche hänge ich seither auch im Trockenraum auf.

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