J – K

Das ist hart für einen wie Paul: Er geht in Rente. Und das nach fast 50 Jahren in seinem Traumberuf. Paul ist Krankenkassensachbearbeiter. So gut wie nie krank, immer pünktlich. Es gab keinen Morgen, an dem er nicht gerne aufgestanden wäre. Höchstens an Wochenenden. Die waren manchmal leer. Trotz Myrtha. – Trotz, nicht wegen. Darauf legt Paul Wert. Myrtha ist eine gute Frau. Auch die Kinder sind geraten. Aber es ist schwer, wenn an Wochenenden niemandem geholfen werden kann. Am Montag darf er wieder.
Leider kann Paul nicht allen helfen. Sein Zuständigkeitsbereich umfasst nur J – K.: Jenzer Walter. Joosi Katharina. Jaun Petra. Jelkalan Mahmud. Kretschmer Cosimira. Kellenberger Niklaus. Kazanovic Fatima. Kanoté Jean-Pierre… Niemanden davon hat Paul je gesehen. Aber er kennt sie alle. Frau Kosic hat es mit dem Herzen. Herr Inzaghi mit dem Blutdruck. Herr Kuster mit Depressionen. Schon seit 2001.
Es ist schön, wenn Paul die Krankheitskosten übernehmen kann von Menschen, die ihm anvertraut wurden. Mit ihren Leiden haben sie es schwer genug. Es ist auch schon vorgekommen, dass er aus eigener Tasche etwas draufgelegt hat. Wegen dem hohen Selbstbehalt. Die Abteilungsleiterin geht das nichts an. Und die Kontrollstelle sagte nur, Paul sei schön blöd.

Das meinte auch seine Kollegin F – G. Sie hat Paul dabei ertappt, wie er bei Feierabend heimlich einen Backstein in seine Mappe gepackt hat. F-G hat keine Mappe. Ihre Ihr-Anvertrauten sind in der Cloud. Paul aber mag es, wenn seine Arbeitsmappe schwer ist. Das Gewicht lässt ihn den Boden spüren. Die Gravitation seiner Arbeit. Er geht immer zu Fuss. Den Backstein bringt er am Morgen jeweils wieder mit. Immer denselben. Seit knapp 50 Jahren. Mit F-G ist er per Sie. Mit allen anderen auch. Die duzen sich. Paul hält viel von Respekt.

Jetzt übernimmt ein junger Schnösel. Der kennt keinen seiner Klienten. Herr Kuster tut Paul jetzt schon leid. Frau Janko mit ihrer Lunge sowieso. Einmal hatte er sie am Telefon. Sie hat die ganze Zeit gehustet. – Gut, kann auch gespielt sein. Na und? Ohne Not hustet keiner, und die Leute zahlen ihre Prämien nicht, damit Paul den Sheriff macht.
Es heisst, Schnösel übernehme jetzt auch noch einen Teil von L. Zumindest bis und mit Lehmann. Der Konzern muss effizienter werden. Die Leute leben länger, und die Politik drängt.
Letzten Herbst hat die Abteilungsleiterin Paul Y – Z angeboten. Da gäbe es weniger Namen. Das komme seinem fortgeschrittenen Alter doch entgegen. Bei so langer Treue dürfe er nun endlich etwas kürzertreten. Paul war beleidigt. Er will nicht kürzertreten – er wird gebraucht. Der Aufsichtsrat hat dann einen Brief von ihm bekommen. Einen langen. Mehrfach überarbeitet. Die Abteilungs­leiterin musste sich danach bei Paul entschuldigen. Weisung von oben. – Das war ihm aber nun auch nicht recht.

Paul hat nie die Stelle gewechselt. Auch nicht seine Buchstaben: J bis K. Nur der Konzern hat seit dem Lehrabschluss bereits den achten Namen. Sie wurden immer englischer. Das wurde dann an die grosse Glocke gehängt. Heute besteht der Konzernname nur noch aus einer Abkürzung. Samt neuem Logo. Man will die Leute nicht zum Lesen zwingen.
Von den alten Kolleginnen und Kollegen arbeitet niemand mehr im Betrieb. Einige sind in Rente. Wie er jetzt auch. Andere haben umgesattelt. Paul hat das nie verstanden mit dieser Umsattlerei. Krankenkassensachbearbeiter ist die schönste Tätigkeit auf Erden. Wer wird schon dafür bezahlt, Menschen hilfreich beistehen? Auch eine Karriere hat Paul nie ins Auge gefasst. Frau Keller im Stich lassen? Herrn Jesomir? – Niemals.

Soll Paul nun Rosen züchten? Mit Myrtha auf die Rigi? Einen Kochkurs braucht er nicht. Myrtha kocht gut. Und gern. Englisch kann Paul schon. Von damals. Und Spanisch braucht er nicht. Mallorca ist keine Option. Paul sollte krank werden. Mit seinem Nachnamen hat er nämlich Glück: Krummenacher. Er käme zu Schnösel. Dem würde er auf die Finger schauen!

Am Freitag war sein Letzter. Schnöselchen war auch da. Sie haben sich die Hand gegeben. Aber nur für ein paar Worte. Was man halt so sagt. Alles Gute, viel Glück und so. Es gab einen Apéro und Blumen. Spendiert vom Konzern. Das hat die Abteilungsleiterin extra betont. Nicht von ihr spendiert – nein, vom Konzern! Das macht dann schon stolz, irgendwie… Paul war beliebt. Trotz dem «Sie». Oder gerade deshalb. Nie ist er jemandem frech vorbeigekommen. Und niemand ihm. U – V hat sogar auf der Handorgel gespielt am Freitag. Myrtha war dabei. Sie hat es auch gesehen. Mit eigenen Augen. Und sich für ihn gefreut. Paul hat ein solches Glück mit Myrtha. Die Kinder konnten nicht kommen, haben aber angerufen. Der Sohn hat gratuliert. Paul glaubte, etwas Neid in der Stimme seines Sohnes zu hören. Andreas ist erst 38. – Paul macht so was traurig.
«Jetzt hast du’s endlich geschafft und sieben Tage Wochenende!» frohlockt der Sohn. Paul kam dann bald zu einem Ende. Er müsse Myrtha helfen. Das war gelogen. Myrtha braucht ihn nicht. – Ob Andreas das über seinen Vater weiss?

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