Hambacher Forst

So ist es nicht: Auch ich gehe gerne in den Wald. Aber Lidl ist halt einfach günstiger als der Bioladen. Einer wie ich muss schauen, wo er bleibt. Jetzt erst recht, wo’s ans Eingemachte geht. Die Proteste reissen einfach nicht ab. Schon seit Wochen. Klar, die Polizei ist präsent, aber diese Öko-Terroristen besetzen doch einfach unseren Forst. Binden sich an Bäumen an und hausen in den Ästen. Leute von überall her, Köln, Berlin, Stuttgart, weiss der Geier… Aussehen tun sie alle gleich. Am Anfang nicht mal unsympathisch, aber verlaust. Ich hingegen achte auf mein Äusseres. Nach jeder Schicht stehe eine halbe Stunde unter der Dusche. Wenn’s nach denen ginge, sollte ich jetzt auch im Winter kalt duschen. Die sind aber nicht den ganzen Tag an dieser Scheisskälte und duschen sowieso kaum. Sie arbeiten ja auch nicht. Jetzt wollen sie uns den Boiler abstellen. Wir brauchen aber Strom. Alle, auch die. Und wir sind es, die dafür sorgen, dass sie ihre Handys und E-Bikes laden können. Ohne unsere Braunkohle geht da nichts. Und keiner hat mehr Arbeit. Nicht nur hier.

Ich finde es auch schade um den Forst, aber wir müssen erweitern. Die Grube ist fast leer. Sonst geht’s definitiv an’s Eingemachte. Gut, auf den Camper verzichten könnte ich. Aber nur, wenn das alle machen. Und wer täglich in der Grube malocht, damit die ihre Handys aufladen können, wird doch mal an die Ostsee fahren dürfen.
Wo soll ich denn noch etwas Anderes finden? Ich bin Kumpel und 53. Die Fräse bedienen kann ich. Zeitlebens wähle ich rot und bin in der Gewerkschaft. Aber was tun die dort? – Verhandeln. Da gibt’s nichts zu verhandeln! Diese Linksautonomen versuchen, unsere Grube zu stürmen und den Betrieb zu blockieren. Die Polizei schaut nur zu. Weisung von oben.

Aber wir lassen uns nicht einfach ausknipsen. Da hängen Lebensläufe dran und eine ganze Region. Da müssen wir’s doch selber an die Hand nehmen. Im Turnus halten wir Wache. Rund um die Uhr. Immer drei Mann pro Schicht. Natürlich in der Freizeit. Der Betrieb muss weiterlaufen. Wenn die über den Zaun steigen, rufen wir die Kollegen. Da kann’s dann schon mal etwas grober werden.
Meine Freizeit könnte ich ohne Nix bequemer verbringen als mit Thermoskanne und Feldstecher an der Kante oben. Fussball interessiert mich nicht. Ich mag Tierfilme. Wär schön, mal auf die Galapagos, um sie mit eigenen Augen zu sehen. Mit den Enkeln, damit die das noch erleben können. Bevor man nicht mehr fliegen darf. Bevor man gar nichts mehr darf.

Stimmt, RWE hat für die Grube Bäume gefällt, hat aber drüben auf der Sophienhöhe auch mehr als eine Million neue gepflanzt. Haben die etwa neue gepflanzt? – Wo denn? Im Gegenteil: 54 haben die im Forst für ihre Baumhäuser und Barrikaden umgehauen. – Nur soviel zu den Zahlen.
Ich bin nicht gegen Klimaschutz – aber ich bin für Energieversorgung. Sonst geht’s ans Eingemachte. Die Grünen reden dauernd von «neuen Technologien», «Energiewende», von «sozial verträglichem Kohleausstieg», «Umweltgerechtigkeit» und solchem Zeug. – Wie stellt sich dieser Habeck das denn vor? Reine Augenwischerei. Mit Grün geht Rot nicht mehr zusammen. Endgültig, das war einmal. Die wollen keine Bäume retten, die wollen die Wirtschaft abschaffen!

Jetzt ist es eskaliert. Berufs-Chaoten aus ganz Europa sind angereist. Zehntausend Menschen auf den Strassen. Wogegen demonstrieren die? – Gegen unser aller Gemeinwohl! Sind die noch bei Trost? Die Polizei wird attackiert. Autos brennen. Mein Kumpel Mani ist von einem Molotowcocktail getroffen worden. Ganze Waffenarsenale sind im Forst beschlagnahmt worden. Es ist Krieg. Natürlich packen wir jetzt auch etwas kräftiger zu. Es geht nicht mehr um Stellenabbau, es geht um unsere Sicherheit.

Immerhin leben wir in einem Rechtsstaat. Wir haben vor Gericht gewonnen. Der Forst kann weg. Wir stossen auf der Kante oben darauf an. Zwar nur zu zweit. Mani kann noch nicht. Als wir abgelöst werden, fahren wir mit einer Flasche Sekt zu ihm hin. Der freut sich natürlich erst recht. Das geht die ganze Nacht, und die Frauen sind auch dabei. Schliesslich sind sie es, die uns all die Jahre den Rücken freigehalten haben. Sie verstehen sich untereinander und treffen sich auch ohne uns. Elke, Brigitte und Svenja. Sie mit zwei weiteren Flaschen. Wir haben es uns alle verdient. Das schätze ich so mit den Kumpels: da zählt keiner mehr als der andere.

Dann ist das Urteil revidiert worden. Eine selbsternannte Biologin hat herausgefunden, dass im Forst eine vom Aussterben bedrohte Fledermaus lebt. Das hat das Ganze gekippt: Eine Fledermaus! Ich liebe Tiere, aber bitte…
Die RWE-Aktie fällt um 8.5%. Das macht über 900 Millionen. Aus den Galapagos wird nichts. Wir stehen immer noch oben auf der Kante. Mani ist auch wieder dabei. Wir haben ab jetzt sehr viel Zeit und schauen in unsere Grube runter. Deutschland macht mir Angst.

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