Ganterschwil

Blind bin ich nicht. Ich habe genau gesehen, dass Anita immer wieder zu ihm rübergeschaut hat. Dienstleistungspersonal sollte unauffällig sein. Das ist doch das kleine Einmaleins der Gastronomie. Auch wenn solche natürlich auffallen bei uns im Hirschen. Ich darf aber von mir sagen, dass ich nicht gegen Ausländer bin. – Nie gewesen. Ich bin seit Jahren bei Amnesty Internation, und wenn einer mal knapp bei Kasse ist, bekommt er die Winterreifen zum Selbstkostenpreis. Das gilt auch für Ausländer. Trotzdem hat es mir nicht gefallen, dass Anita ständig zu ihm rübergeschaut hat. Es ist mir auch nicht entgangen, dass sein Hemd zu eng war. Aber wenn er schon solche Muckis hat, dann könnte er doch das Hemd bitte in ein, zwei Nummern grösser kaufen. Wir Schweizer tragen unsere Vorzüge schliesslich auch nicht so vor uns her. Wenn wir ihn schon bei uns aufnehmen, dann darf man doch erwarten dürfen, dass er sich den nationalen Gepflogenheiten anpasst. Ist doch nicht zu viel verlangt. Auch habe ich durchaus Verständnis – ja sogar durchaus eine gewisse Sympathie – für Menschen in Not und Armut. Durchaus. Aber ein grösseres Modell wäre meines Wissens im Laden nicht teurer gewesen. Zudem haben wohl wir das Hemd bezahlt. Wir, die Steuerzahler. Dank erwarte ich dafür keinen, nur etwas weniger Muckis. Sonst kommt das auf die Dauer hier nicht gut. Nun mal ehrlich, zahle ich Steuern, damit Anita zu ihm rüberschaut?
Natürlich habe ich ihr das nicht verboten. Hätte ich auch nicht getan, wenn wir allein im Hirschen gesessen hätten und nicht mit Noldi, Beatrice, Yvonne und Luc.

Auch zuhause habe ich meine Frau nicht darauf angesprochen. Obwohl es nicht nur sein zu enges Hemd war, was mir aufgefallen ist. Schlimmer noch waren seine schneeweissen Zähne. Klar, bei schwarzer Haut fällt sowas auf. Wegen dem Kontrast und so. Bei einem derart weissen, kerngesunden Gebiss schläft man aber dann halt nicht so ganz leicht ein. Anita kennt meine Zahnarztrechnungen und meine inzwischen haut-farbigen Beisser. Schliesslich bin ich nicht schwarz, und selbst nach Antalya gibt’s keinen nennenswerten Kontrast.

Keine Frage, es ist Anitas Sache, wenn sie sich mit Beatrice jetzt nicht mehr im Café von Yvonne um die Ecke trifft. Aber muss es denn wirklich der abgelegene Hirschen sein? – So kann es doch nicht weitergehen mit unserem Land.
Noldi sieht das ähnlich. Luc weniger. Er ist bei der SP. Immerhin ist auch ihm nicht entgangen, dass Anita… – naja, Sie wissen schon. Beatrice und Yvonne halten sich heraus. Wir reden nicht über Politik, wenn Frauen dabei sind. Das gehört sich nicht. Soviel mir zu Ohren gekommen ist, geht Yvonne jetzt aber auch mit in den Hirschen, obwohl sie doch ihr eigenes Café betreibt. Luc – immerhin ihr Mann – findet das jetzt auch ein bisschen merkwürdig. Ich sowieso, und Noldi erst recht. Der schlägt vor, wir drei Männer sollten mal zum Rechten schauen. Er ist Oberleutnant der Schweizer Armee und weiss, wie das geht.
1: Problem erkennen.
2: Analyse/Lagebesprechung
3: Planung (inkl. Deckname der Operation)
4: Verdeckte Ermittlung (inkl. Tarnung)
5: Zugriff

Soweit alles klar. Noldi übernimmt das strategische Kommando. Luc und ich robben des nachts zum Hirschen. Das ist natürlich komplett läppisch. Wir sind gestandene Männer. Aber keiner glaubt, was wir da sehen.
Noldi kommandiert Rückzug. Luc, nun plötzlich ganz im Feuer, zischt «spinnsch?!» Aber Noldi hat Grösseres vor.

Um halb drei wir drei beim Gemeindepräsidenten von Ganterschwil. Das enge Hemd und die zu weissen Zähne werden aktenkundig. Anita, Beatrice und Yvonne nicht. Das hat Noldi erwirkt. Parteikollege. Zur weiteren Identifizierung des mutmasslichen Objekts führt unser Gemeindepräsi noch «dunkelhäutig» protokollarisch an. Der SP-ler erhebt Einspruch. Das sei rassistisch. Einspruch gutgeheissen. Der Rest geht an eine Kommission, und wir verlassen das Büro.
Noldi herrscht Luc draussen wegen dem Einspruch an. Das sei «verfahrens-obstruktiv». Keine Ahnung, wo er auf einmal dieses Wort herhat. Geschweige denn, was solche Wörter mit einem machen. Uneins gehen wir auseinander.

Anita ist schon zuhause. Es wäre mir nicht recht, wenn sie von unserer kindischen Aktion etwas mitbekommen hätte. In Ganterschwil bekommen aber immer alle alles mit. Deckname und Tarnung hin oder her. Anita ist reserviert. Das ist verdächtig. Erst beim Abendessen fragt sie, wo ich um halb drei gewesen sei. Zugeben kann ich das nicht.
Anita bleibt beim Thema: «Hast du Angst vor diesem Hemd?» – Ich wüsste nicht, was für ein Hemd sie meine, sage ich. Aber da ist schon alles klar. Da komm ich jetzt nicht wieder raus und lege die Karten auf den Tisch: «Hast du was mit diesem…?»
– «Nein. Aber deine Angst hat was mit ihm!»

Auf Weisung der Kommission ist der Mann aus Mali drei Tage später nicht mehr im Hirschen. Anita verzeiht mir das nicht, und ich ihr auch nicht. Yvonne hat den Präsi nach dem neuen Aufenthaltsort des Afrikaners gefragt. Kommissions-Interna dürfen aber nicht raus. Der Malier bleibt verschwunden.
Yvonne ist lange traurig. Das hat Luc nun von seinen Sozis. Er mag aber nicht darüber reden. Wir sehen uns nur noch zufällig. Noldi kandidiert für den Gemeinderat und will dort zum Rechten schauen. Er findet, wir sollten uns zusammenschliessen. Seit Anita rübergeschaut hat, bin ich dafür. Mein Hemd spannt. Ich habe ein bisschen zugenommen. So um den Bauch herum.

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