Er gibt ab

Er gibt ab. Ist einfach nicht mehr auf der Höhe. Himmel, er ist doch noch keine 55! Ich muss mit ihm reden. Dringend. Er rafft es nicht mehr. – So geht das nächtelang.
Theo ist mein Buchhalter und hat schon bei meinem Vater gearbeitet. 35 Jahre im Betrieb. Wir Kinder nannten ihn immer Theo. Seit ich das Geschäft übernommen habe, sage ich aber nur noch Theo zu ihm. Ich bin jetzt sein Chef, und seine Zahlen stimmen nicht mehr. Theo ist alt geworden, aber keine 55 sind zu früh für die Rente. Ich muss mit ihm reden.
»Herr Fankhauser ist da, Philipp«, höre ich Sibel sagen. (Was, schon jetzt?!)

»Setz dich doch, Theo.« Es ist mir gleich aufgefallen, dass da kleine schwarze Ränder unter seinen Fingernägeln sind. Hat er ein Alkoholproblem? – (Quatsch, Fingernägel haben nichts mit Alkohol zu tun.)
»Kaffee?«
»Ja, gerne.«
Sibel macht welchen. Ich warte ab, bis sie ihn gebracht hat. Mitarbeitergespräche sollten vertraulich bleiben. Theo schaut mich erwartungsvoll an. Hofft er, dass er befördert wird? Seine Hose sitzt nicht mehr richtig. Er hat abgenommen. Das mit dem Kaffee dauert zu lange. Ich muss etwas sagen. Ich bin der Chef, es ist an mir.
»Geht’s dir gut, Theo?«
»Ja prima, danke.«
»Erika und den Kindern auch?«
»Auch, ja. Danke. – Und dir?«
(Jetzt bloss nicht persönlich werden, sonst läuft das hier in die komplett falsche Richtung.)
»Ach weisst du, mit einem solchen Laden hat man ständig Sorgen.« (Das ist gut, das nimmt die richtige Kurve.)
»Versteh ich, immer mehr Druck halt. Aber wir beide haben schon ganz anderes hinbekommen. Mach dir mal keinen Kopf«, muntert mich Theo auf, als wäre er noch immer mein Onkel und seine Buchhaltung in Ordnung. Ich versuche, ruhig zu atmen. Unter dem Tisch zappeln meine Beine. (Zappel-Philipp. Das kennt jeder Chef: Oben selbstbewusst wie ein Geländewagen, unten ein Schiffbrüchiger.)
Sibel bringt den Kaffee und ist gleich wieder draussen. Auch Rahm ist bald in der Tasse. Zucker nehmen wir beide nicht. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr.
»Warum ich dich hergebeten habe, Theo, ist dies…«
»Stimmt etwas nicht«, unterbricht er mich, »du bist ja ganz bleich, Junge.«
»Doch doch, alles in Ordnung.« – (Schon wieder auf Abwegen. So lässt sich kein Betrieb führen…!)
»Sag mir einfach, wenn du Sorgen hast. Ich tue für dich, was ich kann, Philipp. Bin schliesslich dein Onkel Theo.« (Zwinkert er mir jetzt sogar noch zu?)
»Lass mal, alles gut. Ich wollte dich nur fragen, wie’s für dich mit der Buchhaltung so läuft. Ich…«
»Bestens, wieso?«
»Nun ja, wie soll ich sagen, es gibt da ein paar kleine Unge­reimtheiten.«
»Ungereimtheiten? Das versteh ich jetzt nicht«, sagt er plötzlich besorgt.
»Nichts Gravierendes. Ich fand einfach, es wäre gut, darüber zu reden.«
»Natürlich, reden ist immer gut. Bevor es zu spät ist, meine ich. Das hat schon dein Vater so gehandhabt. Ich bin froh, dass das mit dir so weitergeht. Das war ja nicht immer klar.«
»Was war nicht klar?«
»Naja, bevor du hier übernommen hast, mit den Drogen und so. Das war schon knapp, mein Lieber,« – (Scheisse!) – »und weisst du noch, wie wir das damals mit deinen Schulaufgaben hinge­kriegt haben? Gertrud konnte ganz schön streng sein,« meint er noch anhängen zu müssen. (Ignorieren, jetzt einfach ignorieren! Meine Mutter lebt nicht mehr.)
»Nicht darüber wollte ich mit dir reden, Theo.«
»Worüber denn?«
»Ich hatte nur so einen Gedanken… Naja, wie soll ich sagen…, ob du, ob du dir vorstellen könntest, vielleicht auch etwas anderes zu arbeiten. – Woanders, meine ich.« – (Gut war das nicht, aber jetzt ist es wenigstens raus.) Theo schaut mich entgeistert an.
»Du willst mich loswerden?!«
»Ganz so ist das natürlich nicht gemeint… « – (Es geht schief, Hilfe, es kann gar nicht anders, als schiefgehen!)
»Wie ist es denn gemeint? Wo soll ich denn hin mit meinen 55? Ich kann doch nur Buchhaltung!« – (Gut, damit war zu rechnen…)
»Wir müssen es ja auch nicht grösser machen, als es ist.«
»35 Jahre im Betrieb sind etwa nicht gross?«
»Doch, natürlich. Das ist sehr gross. Aber du gibst ab, Theo.«
»Das musst du mir erklären.«

Nein, musste ich nicht. Aber die Bücher müssen stimmen. Sonst machen die im Amt einen Aufstand. Jetzt gebe ich die Buch­haltung an eine externe Firma raus. Onkel Theo weiss das nicht und bleibt im Betrieb. Wir müssen das verkraften.

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