Er gibt ab

Er gibt ab. Ist einfach nicht mehr auf der Höhe. Himmel, er ist doch noch keine 55! Ich muss mit ihm reden. Dringend. Er checkt es nicht mehr… – So geht das nächtelang.

Theo ist mein Buchhalter und hat schon bei meinem Vater gearbeitet. 35 Jahre im Betrieb. Wir Kinder nannten ihn immer <Onkel> Theo. Seit ich das Geschäft übernommen habe, sage ich aber nur noch Theo zu ihm. Ich bin jetzt sein Chef, und seine Bücher stimmen nicht mehr. Theo ist alt geworden, aber <keine 55> sind zu früh für eine Frührente. Ich muss mit ihm reden.

»Setz dich doch, Theo.« Es ist mir gleich aufgefallen, dass da kleine schwarze Ränder unter seinen Fingernägeln sind. Hat er ein Alkoholproblem? – Quatsch, Fingernägel haben nichts mit Alkohol zu tun.

»Kaffee?«

»Ja bitte.«

Manuela macht welchen. Ich warte ab, bis sie ihn gebracht hat. Sonst platzt sie plötzlich rein, und Mitarbeitergespräche sollen vertraulich bleiben. Theo schaut mich erwartungsvoll an. Hofft er, dass er befördert wird? Seine Hose sitzt nicht mehr richtig. Theo hat abgenommen. Das mit dem Kaffee dauert zu lange. Ich muss etwas sagen. Ich bin der Chef. Es ist an mir.

»Geht’s dir gut, Theo?«

»Ja prima, danke.«

»Erika und den Kindern auch?«

»Auch, ja. Danke. – Und dir?«

(Jetzt bloss nicht persönlich werden, sonst läuft das hier in die komplett falsche Richtung.)

»Ach weisst du, mit einem solchen Laden hat man immer Sorgen.« – (Das ist gut, das nimmt die richtige Kurve.)

»Versteh ich, immer mehr Druck halt. Aber das bekommen wir schon hin. Mach dir mal keinen Kopf«, muntert mich Theo auf, als wäre er immer noch mein Onkel, und als wäre seine Buch­haltung in Ordnung.

Manuela bringt den Kaffee und ist gleich wieder draussen. Auch Rahm ist bald in der Tasse. Zucker nehmen wir beide nicht. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr.

»Warum ich dich hergebeten habe, Theo, ist dies:«

»Stimmt etwas nicht«, unterbricht er mich, »du bist ja ganz bleich, Junge.«

»Doch doch, alles in Ordnung.« – (Schon wieder auf Abwegen. So lässt sich kein Betrieb führen…)

»Sag mir einfach, wenn du Sorgen hast. Ich tue für dich, was ich kann. Bin schliesslich dein <Onkel Theo>«, zwinkert er mir zu.

»Nein nein, alles gut. Ich wollte dich nur fragen, wie’s für dich mit der Buchhaltung so läuft. Ich…«

»Bestens, wieso?«

»Nun ja, wie soll ich sagen, es gibt da ein paar kleine Unge­reimtheiten.«

»Ungereimtheiten? Das versteh ich jetzt nicht«, sagt er plötzlich besorgt.

»Nichts Gravierendes. Ich fand einfach, es wäre gut, darüber zu reden.«

»Natürlich, reden ist immer gut. Bevor es zu spät ist, meine ich. Das hat schon dein Vater so gehandhabt. Ich bin froh, dass das mit dir so weitergeht. Das war ja nicht immer so klar.«

»Was war nicht klar?«

»Naja, bevor du hier übernommen hast, mit den Drogen und so. Das war schon knapp, mein Lieber.« – (Scheisse!)

»Nicht darüber wollte ich mit dir reden, Theo.«

»Worüber denn?«

»Ob du dir auch vorstellen könntest, vielleicht etwas anderes zu arbeiten. Woanders, meine ich.« – (Gut war das nicht, aber jetzt ist es wenigstens raus.) Theo schaut mich entgeistert an.

»Du willst mich loswerden?!«

»Ganz so war das natürlich nicht gemeint… « – (Es geht schief, es muss schief gehen!)

»Wie denn? Wo soll ich denn hin mit meinen 55? Ich kann doch nur Buchhaltung!« – (Jetzt kommt er so. Damit war zu rechen.)

»Wir müssen es ja auch nicht grösser machen, als es ist.«

»35 Jahre im Betrieb sind etwa nicht gross?«

»Doch, natürlich. Aber du gibst ab, Theo.«

»Das musst du mir erklären.«

Nein, musste ich nicht. Aber die Bücher müssen stimmen. Sonst machen die im Amt einen auf Aufstand. Jetzt gebe ich die Buchhaltung raus an eine externe Firma. Onkel Theo weiss das nicht und bleibt im Betrieb. Wir müssen das verkraften. Irgendwie traurig ist es trotzdem. Er gibt ab.

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