Dr. Stamm

Selbst der Richter ist da. Herr Dr. Stamm. Er sagte zwar, er wisse nicht, ob er sich frei nehmen könne. Es sei grad viel los bei ihm im Laden. Wie immer im November. Aber es hat geklappt.
Noch nie ist es vorgekommen, dass er eingeladen wurde. Normalerweise gehen die Leute einem wie ihm aus dem Weg. Da darf man jetzt nicht absagen. Sogar samt Frau Stamm. «Meine Frau» sagt Dr. Stamm nie, wenn er von ihr spricht. Immer Frau Stamm. Oder Annelis. – Er hat viel gesehen an seinem Richterpult. Vor allem, was geschieht, wenn der Respekt verloren geht.

Im «Sternen-Säli» sitzt Verena in der Mitte. Frank links von ihr. Rechts Adrian. Ihr Neuer. Aber Verena hat sich schwer vorgenommen, heute Frank den Vorzug zu geben. Es ist sein Fest. Und ihres. Mit Adrian hat das nichts zu tun. Das findet zumindest Verena. Und eine Hochzeitsparty hatten Frank und sie damals nicht gemacht. Wieso soll man andere dazu zwingen, sich piekfein anzuziehen, nur damit man ihnen sein Glück unter die Nase reiben kann? Verena ging sogar noch weiter. Sie meinte, die Leute würden bloss ihre Spucke und den Rotz an der Braut abwischen bei ihren Gratulations-Küsschen. Sie sei doch kein Taschentuch.

Heute gratuliert niemand. Ganz und gar nicht. Die meisten haben abgesagt. Termine. Nur wenige haben sich getraut. Die richtigen Freunde eben. Die halten zu einem. Stimmung will aber auch bei denen nicht aufkommen. Man ist befangen. Bringt man zu einem solchen Anlass ein Geschenk mit? Eine Karte wenigstens? «Alles Liebe zur Scheidung»? Und bitteschön, was sagt man? «Besser so»? «Krise als Chance»? «Kopf hoch, wird schon wieder»? «Willkommen im Club»?
Dr. Stamm sagte: «Hauptsache, Sie finden beide Ihren Weg.» Professionell ist Herr Stamm. Dagegen lässt sich nichts sagen. Für einen Scheidungsrichter ist Professionalität das A und O.
A’s und O’s gibt es dann auch bei den Freunden. Aber nur gequälte. Man fühlt sich verpflichtet. Denn Verena und Frank haben eine Tischbombe gezündet. Für Alkohol ist es noch zu früh. Der Termin war um 8 Uhr 15. Um 8 Uhr 27 waren alle wieder draussen. Für den Transfer in den « Sternen» war gesorgt. Dr. Stamm holte nur noch kurz Frau Stamm ab. Frau Stamm, nicht Annelis. Er ist mit niemandem per Du.

Man ist zivilisiert. Adrian wird nicht geschnitten. Höchstens ein paar verstohlene Blicke. Wenn er wegschaut, ein knappes Tuscheln. Seine Sitznachbarin Gisèle ist froh, dass Adrian Archäologe ist. Da gibt es viel zu fragen. Ohne persönlich zu werden. Und die Zukunft ist für einen Archäologen kein Thema. Auch nicht seine Zukunft mit Verena.
Frank dagegen hat einen kurzfristigeren Beruf. Reta zu seiner Linken weiss das. Aber heute ist er nicht als Berufsmann da. An einem solchen Tag dürfe ein Mann gern seine Gefühle zeigen, sagt Reta. Es sei doch bestimmt krass für ihn, einfach so ausgetauscht zu werden.
«Verena weiss schon, was sie tut, und ob es ihr das wert ist,» meint Frank.
– «Bist du denn nicht traurig? Eifersüchtig, sauer oder so?!»
– «Nein, es freut mich, wenn sie glücklich ist.»
– «Liebst du sie denn nicht mehr?»
– «Doch klar. Eben darum freut es mich, wenn’s ihr gut geht.»
– «…Was, wie jetzt…?»

Reta braucht einen Schluck Mineral. Dann wendet sie sich an Gerold: «Würdest du dich freuen, wenn ich dich verlassen würde?»
– «Was soll das, Reti?! Natürlich nicht!“» lacht Gerold.
– «Dann liebst du mich nicht wirklich! Sonst würdest du dich freuen.»
– «Spinnst du?!»

Jetzt geht’s los. Bea und Alex mischen sich ein. Thomi und Esther. Vor allem Esther. Es wird laut. Thomi verstummt. Wie immer, wenn es ans Eingemachte geht. Und an die ersten Tränen. Es geht um Eifersucht, Besitzansprüche und wahre Liebe. Besser, Frank steht auf und schaut nach dem Alkohol. Was dann kommt, kann er sich denken.

Es ist unklar, wer nach Frank und Verenas Scheidungsfest zusammenbleibt. Die meisten wollen es sich noch überlegen. Brauchen Zeit. Vielleicht eine Auszeit. Ein halbes Jahr Berlin oder so. Allein. Ja sicher, allein. Zu sich kommen. Standortbestimmung.
Freunde bleiben wollen alle. Egal, was kommt. – Das ist schön.
Gisèle macht jetzt eine Therapie. Thomi überprüft seine Work-Life-Balance. Esther wohnt seit Kurzem woanders. Alex und Bea gehen in ein Tantra-Seminar. Manuela und Jochen sind wieder schwanger. Reta und Gerold kaufen ein Haus. Die Zinslage ist günstig.

Kurz vor 11 haben Herr und Frau Stamm allen noch das Du angeboten: Koni und Annelis. Dann sind sie gegangen. Koni darf sich auf neue Kundschaft freuen. Eingeladen werden möchte er aber nicht mehr.

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