Die Herdplatte

Ich müsse jetzt stark sein, meinte Dr. Langacher. Ich bin stark. Bloss etwas vergesslich. Was hat dieser Doktor eben gesagt? Ich bin in der Küche. Vorher war ich noch im Schlafzimmer. Was wollte ich in der Küche? Ich habe eine heisse Tasse Kaffee in der Hand. Also muss ich wohl die Herdplatte… – Ist aber abgestellt. Ich kann mich nicht erinnern, je etwas abgestellt zu haben. Da muss man aufpassen: Plötzlich stellt sich die Herdplatte von selbst wieder an, und dann brennt das ganze Haus. Nur weil ich vergessen habe, die Herdplatte für den Kaffee überhaupt anzu­stellen. – Ach komm, die machen doch sowieso alle, was sie wollen. Mit Dr. Kurzacher hat das nichts zu tun. Auch nicht damit, dass jetzt das Zimmer auf einmal im Spiegel ist, statt der Spiegel im Zimmer.
Wo ist meine Mappe denn nun schon wieder? Ohne Mappe geht alles den Bach runter. Da ist meine Agenda drin, Geldbeutel, Schlüssel und Zahnbürste. Alles. Eben war sie doch noch da, die Mappe. Es ist zum Verrücktwerden. Alles um einen herum fängt an zu spinnen. Alles und alle gegen mich! – Ah da, muss heute Morgen mit ihr geduscht und nicht dran gedacht haben, die Mappe vorher von mir abzuschnallen. Es ist nämlich immer gut, wenn man einen Griff hat, an dem man sich festhalten kann. Meine Mappe ist mein Hirn. Die kennt mich besser als ich selber. Aber wieso ist denn jetzt alles so nass? Die Schrift in der Agenda komplett verschwommen, das Foto von Myrtha aufgedunsen. Schlüssel und Münzen sind noch ganz, und Zahnbürsten können mit Feuchtigkeit umgehen.

Alzheimer ist nicht schlimm. Vergessen ist eine Gnade. Schlimm ist nur, dass der Rest der Welt nicht auch alzheimert. Wie viel friedlicher wäre dann die Welt! Es gäbe keine Reue und keine Rache. Die Leute würden ihre Briefe nicht mehr in Briefkästen stecken, sondern in den Glascontainer oder an der Theater­garderobe abgeben. Sie würden nicht mehr die Strassenbahn ins Büro nehmen, sondern in die falsche Richtung zum Zoo. Sie würden ihre Autos dort parken, wo schon eines steht, weil sie vergessen haben, dass dort schon eines steht. Die Diagnose wäre dann nicht Alzheimer, sondern Blechschaden.
Als ich noch ein Kind war, gab es weniger Blechschäden. An meine Kindheit erinnere ich mich genau. Sogar besser als früher. Es gab kaum Blech. Auch weniger geredetes Blech, wenn ich mich richtig erinnere. Bin ich in der Küche? – Ach so, Herdplatte abstellen. Warum denn? Ich möchte doch Kaffee. Oder war das gestern?
Es ist nicht schön, wenn man sich nicht mehr auf den Kaffee verlassen kann. Wenn der auf einmal macht, was er will. Dann ist der Kaffee grösser als dein Kopf. Nur schön ist das nicht. Immerhin ist die Mappe jetzt wieder da. Es braucht mir aber niemand zu sagen, wann ich aufs Klo muss. Meine Gedärme habe ich noch im Griff. Es ist mir peinlich, dass ich vergessen habe, beim Klo Deckel vorher hochzuklappen. Jemand ist in meinem Kopf. Aber nicht ich. Ich bin nur noch ein Tier, und Tiere haben nichts mit Klodeckeln am Hut. Oder hat irgendwer etwa einen Elch gesehen, der sein Geschäft auf einem Klo erledigt? Ich nicht. Ich bin ein Elch. Na und? Einen Zusammenschiss be­komme ich trotzdem.

Wo ist Myrtha? Ich habe sie seit Langem nicht mehr gesehen. Sie hätte die Herdplatte bestimmt abgestellt. Dann hätte unser Haus nicht gebrannt.
Dr. Langweiler soll mich nicht am Arm führen. Gehen kann ich selber. Wenn mein Kopf nicht mehr weiss, wo das Schlafzimmer ist, dann wissen es meine Füsse. Weg da, Langhuber, ich bin ein Elch! Hab auch einen zu grossen Kopf für so wenig drin. Aber einen Kopf von der Grösse einer Ameise gesteht mir keiner zu. Ich soll Mensch sein, nicht nur noch Biologie. Ich soll mich erinnern und an die Zukunft denken. Die Gegenwart allein ist für’s Menschsein zu wenig. Ein Mensch soll aus seiner Ver­gangenheit lernen, Angst vor der Zukunft zu haben. Dann stellt er auch Herdplatten ab.
Am Anfang habe ich mir noch Zettel geschrieben: »Zeitung schon gelesen« – »Zähne putzen« – »11 Uhr 30 Dr. Langnauer« – »Nichts vergessen!« oder »Handtuch nicht auf heisse Herd­platte legen«. Auch habe ich den Fernseher angeschrieben, den Kühlschrank und den Lichtschalter: »Hell«. Das hat aber alles nur schlimmer gemacht, weil jemand die Zettel durcheinander­gebracht hat. Keine Ahnung, wer.
Meinem Hirn bin ich egal. Ob unser Haus wirklich gebrannt hat, weiss ich nicht. Nur komisch, hat seither niemand mehr etwas von Myrtha gehört. Schon komisch, dass sie plötzlich nicht mehr da ist. Auch danach die Sache mit der Feuerwehr und dem Metallsarg.

Habe ich Kinder?

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