Corona helvetica 1

Als rund um mich herum alle in den Schützengräben des 2. Weltkriegs lagen, habe ich mich am warmen Kamin schön stillgehalten. Ich bin neutral und mache mit beiden Seiten Geschäfte. Das ist allemal die beste Deckung. Nur so bringt man es zu etwas. Damals am Kamin und heute im Büro. Auch aus einem inzwischen vereinten Europa halte ich mich lieber heraus und nehme nur den Zuckerguss vom Kuchen. Das machen Kinder so. Und jene, denen alle Anderen egal sind. Sollen die sich doch um den angekohlten Boden streiten. Die sind weniger verwöhnt als ich und froh, dass sie überhaupt etwas von der Kohle abbekommen. Die meisten von denen wissen ja nicht mal, was Zuckerguss überhaupt ist. Da wäre es unklug, es ihnen beizubringen.

Nun haben die um mich herum schon wieder ein Problem: Die Seuche geht um. Sie geht und geht und geht mich nichts an. Ich bin neutral. Daran hat sich bisher noch jede Krise gehalten. Krisen haben Angst vor mir. Und wie! Einem solchen wie mir gehen Herr und Frau Krise lieber aus dem Weg. Denn ich bin der Sonderfall, das gelobte Land. Man stelle sich das mal vor, sogar im Krieg wurde bei mir Ski gefahren, und die, die es sich leisten können, sind auch heute noch willkommen. Ganz gut, lassen die rundherum ihre Lifte stehen, dann geht es meinen umso besser. So ist es nun mal in einer Familie: einer ist der Liebling – die anderen sind bloss neidisch.
Dass Corona bei mir mehr zuschlägt als überall sonst, kann ich locker ignorieren. Das Virus hat sich doch nur in der Geografie geirrt. Kann ja mal passieren. Früher oder später wird es sich bei mir dafür entschuldigen. Es habe nicht gewusst, dass ich neutral bin.

Auch das Klima wird sich bei mir entschuldigen, der Sondermüll und die Fremdenfeindlichkeit. Erst recht die ganze Schlauchboot-Orgie. Denn ich war es nicht, der sich die Finger dreckig gemacht hat mit diesem Kolonialismus. Für Afrika habe ich mich erst später interessiert. Neutral wie ich bin, trete ich grundsätzlich erst dann nach, wenn einer schon am Boden liegt. Wenn man nicht mehr von Kolonien spricht, sondern von Wirtschaftsflüchtlingen. Aber damit habe ich nichts zu tun. Meiner Wirtschaft geht’s bestens, es braucht also bittesehr keiner vor ihr zu flüchten! Im Gegenteil, eine Bank ist eine gute Sache. Während sie auf die Strassenbahn warten, können die Potentate aller Welt bequem ihren Geldkoffer drauf abstellen. Samt Armlehne. Ich finde das human. Neutralität ist immer human.
Deshalb gibt es bei mir auch kein Meer, wo jemand ertrinken könnte. Ich bin ein Binnenland und picke nur Rosinen. Ganz harmlos wie ein Vögelchen. Doch irgendwann mal kann vielleicht selbst ein Buchfink bei so viel Trockenfrüchten verdursten. – Natürlich nicht heute, am 1. August. Da hält Buchfink eine Rede, die nur er selber versteht.

PS: Warum spricht man eigentlich von 1. und 2. Weltkrieg? Müssen die denn nummeriert werden? Und bis wie viel wird gezählt? Bis 6, wie im Beach Volleyball? Oder geht’s dort bis 7? – Nicht so wichtig, ich bin da neutral. Ich mache mir bloss ein kleines bisschen Sorgen um die Welt.

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