Bitch

Wir hingen ab. Ständig auf der Suche nach dem Wochenende. Wir kickten Steine oder zielten damit auf den Briefkasten vom Sonderegger. Wir hatten nichts gegen ihn, aber der Knall war cool. Auch die Beulen und so. Musik hatten wir keine mehr dabei. Sonderegger hatte sich beschwert. Ab dann waren die Nachmittage noch schläfriger als eh schon. Wir warfen was ein, träumten von New York und fingerten auf dem Handy herum. Oder mit dem Klappmesser. Ab und zu machte sich einer davon, als hätte er was zu tun. War aber bald wieder da, und fragte, was abgehe. Wir blödelten rum, schubsten oder würgten und schüttelten einander. So halt. Auch Miri. Sie war die einzige Bitch und scharf wie eine Rasierklinge. Aber auch da ging nichts ab. In New York gehe auch nichts ab, meinte Miri. Wir prusteten los und fragten, woher sie das wissen wolle. Dann hatte ein Stein den Briefkasten verfehlt und flog non-stop in die Sonderegger­scheibe. Der Knall war mega. Und Sonderegger hatte noch mehr Fenster.
Der kam dann mit dem Rollator aus seiner Bude angetobt und wollte, dass wir abhauen. Aber das war unser Ghetto hier! Das liessen wir uns nicht nehmen. In seinem Garten waren wir nicht. So ging das dann halt hin und her: »Doch im Garten!« und »Nein!« und »Verpisst euch!« und »Fick dich!« und »Mein Briefkasten und die Scheiben!« und »Nennst du sowas etwa noch Scheiben? Wichs doch deinen Schwanz dran!« und »Das kommt euch teuer zu stehen!« So hin und her halt. Bis die Cops ankamen. Klar, dass wir uns wehrten, und jetzt lief endlich mal was. Auch etwas Blut. Dann rauschte Verstärkung an, und wir wurden gehäckselt. Besonders Miri. Die fluchte, spuckte, kratzte und biss aber auch wie nicht von hier. Es war wie im Kino, und jetzt waren wir alle hellwach.
Es ging ab auf den Posten. Mann, so klein, dass kaum Platz drin war. Wir glaubten es nicht. Im TiVi sehen die doch ganz anders aus! Da wollten die uns diese Schuhschachtel hier verklickern. Und sowas sollte ein Verhör sein? Hatten die nur Blümchen-Sex? Immerhin hatte uns bis da noch keiner je mal irgendwas gefragt. Keine Eltern, keine Lehrer und keine Sonstwas hatten auf uns gewettet. Denen waren wir egal. Jetzt aber waren wir alle in den Charts! Echt ein Megagefühl. Miri fluchte noch immer und hielt mit ihrer Spucke dagegen. Da mussten die Staatsmänner auf­passen, dass sie nicht nass wurden. Einfach nur scharf, die Bitch! Schlagen durften die uns nicht. Das reizten wir voll auf 180 aus, und Miri machte weiter einen auf Gartenschlauch.
Dann liessen sie uns kurz nach Mitternacht doch glatt wieder laufen. Ihr Codeword war Deeskalation. – Können die doch nicht machen, Mann! War’s das schon? Vor allem Miri schob den ultimativen Frust. Jugendfrei war das nicht. Da sah jeder seinen Auftritt kommen. Wir toppten einander und machten auf Hard Core. Bis Miri einen draufgab und meinte, wir sollten dem Sonderegger seine Bude abfackeln. Klar war jeder dabei. Es ging ja nicht um irgendwelche Sonderegger-Buden, wenn es um die Bitch ging. Jeder machte mal was her und zeigte, was er draufhatte. Mann, wie das brannte! Feuerwehr und das ganze Tatütata. Diesmal sogar Handschellen. – Wow! Wir hatten alle einen Ständer.

Ich finde es heute noch krass, dass Miri uns dann auf dem Posten eröffnete, sie habe es halt nicht so mit Jungs. Eigentlich rein gar nicht. Wenn wir wüssten, was sie meine.

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