Bitch

Wir hingen ab. Kickten Steine oder zielten damit auf den Briefkasten vom Sonderegger. Wir hatten nichts gegen ihn, aber der Knall war cool. Auch die Beulen und so. Musik hatten wir keine mehr dabei. Sonderegger hatte sich beschwert. Ab dann waren die Nachmittage noch schläfriger als eh schon. Wir warfen was ein, träumten von New York und fingerten auf dem Handy herum. Oder mit dem Klappmesser. Ab und zu machte sich einer davon, als hätte er was zu tun. War aber immer bald wieder da, und fragte, was abgehe. Wir blödelten rum, schubsten oder würgten und schüttelten einander. So halt. Auch Miri. Sie war die einzige Bitch und scharf wie eine Rasierklinge. Jeder wollte sie flachlegen. Aber auch da ging nichts ab. In New York gehe auch nichts ab, meinte Miri. Wir prusteten los und fragten, woher sie das wissen wolle. Dann hatte ein Stein den Briefkasten verfehlt und flog non-stop in die Sonderegger­scheibe. Der Knall war mega, und Sonderegger hatte noch mehr Fenster.

Der kam dann mit dem Rollator aus seiner Bude angetobt und wollte, dass wir abhauen. Aber das war unser Ghetto hier! Das liessen wir uns nicht nehmen. In seinem Garten waren wir nicht. So ging das dann halt hin und her: »Doch im Garten!« und »Nein!« und »Verpisst euch!« und »Fick dich!« und »Mein Briefkasten und die Scheiben!« und »Nennst du das etwa noch Briefkasten?« und »Das kommt euch teuer zu stehen!« Hin und her halt. Bis die Cops ankamen. Klar, dass wir uns wehrten, und jetzt lief endlich mal was. Auch etwas Blut. Dann rauschte Verstärkung an, und wir wurden gehäckselt. Besonders Miri. Die fluchte, spuckte, kratzte und biss aber auch wie nicht von hier. Es war wie im Kino, und jetzt waren wir alle wach.

Es ging ab auf den Posten. Mann, so klein, dass kaum Platz drin war. Das hatten wir uns anders vorgestellt. Irgendwie Netflix­mässiger. Bis dahin hatte uns noch keiner je mal was gefragt. Keine Eltern, keine Lehrer und keine Sonstwas hatten auf uns gewettet. Denen waren wir egal. Jetzt aber waren wir in den Charts! Echt ein Megagefühl. Miri fluchte noch immer und hielt mit ihrer Spucke dagegen. Da mussten die Staatsmänner auf­passen, dass sie nicht nass wurden. Einfach scharf, die Bitch! Schlagen durften die uns nicht. Das reizten wir voll aus, und Miri machte weiter einen auf Gartenschlauch.

Dann liessen sie uns kurz nach Mitternacht doch glatt wieder laufen. Ihr Codeword war <Deeskalation>. – Können die doch nicht machen, Mann! War’s das schon? Vor allem Miri schob den ultimativen Frust. Und wie! Da sah jeder von uns seinen Auftritt kommen. Wir toppten einander, dass es nur so krachte. Bis Miri einen draufgab und meinte, wir sollten dem Sonderegger seine Bude abfackeln. Klar, war jeder dabei. Es ging ja auch nicht um irgendwelche Sonderegger-Buden, wenn es um die Bitch ging. Jeder von uns machte mal her und zeigte, was er draufhatte. Mann, wie das brannte! Feuerwehr und das ganze Tatütata. Diesmal sogar Handschellen. – Wow!

Ich finde es immer noch krass, dass Miri uns dann auf dem Posten eröffnete, sie habe es halt nicht so mit Jungs. Eigentlich gar nicht. Wenn wir wüssten, was sie meine.

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