Bali

Seit Wochen wurde bei uns am Tisch nicht mehr gesprochen. Mami wollte nach Bali. Das mit uns wollte sie nicht mehr. Wir waren ihr verleidet. Sie sagte, Papi komme immer nur nach Hause, wenn er müde sei. Aber das stimmte nicht. Er versuchte uns Kindern zu erklären, dass Frauen halt mehr über das Leben nachdenken als Männer und es verändern wollen. Da passe er nicht mehr rein, und Mami wolle nach Bali. Bali sei gut. Ver­glichen mit Palmen und weissem Sand sei er tatsächlich nur müde. Papi arbeitete bei den Städtischen Wasserwerken. Städtische Wasserwerke sind kein Meer.
Eine Bekannte von Mami machte in Amlapura auf Klamotten und Schmuck, und Mami könne bei ihr arbeiten. Sie spreche ja deutsch, englisch und etwas französisch. Balinesisch brauche sie nicht. Mami mochte Schmuck schon immer, und Bali sei gut. Dort müsse sie sich nicht ständig diese Gejammer über das Wetter anhören. Ihre Koffer seien gepackt.

Auf Klamotten und Schmuck machte dann aber eine Holländer­in. Die sprach noch holländisch und dänisch. Mami zog statt nach Bali in die Sulgenau. Wir Kindern wurden halbiert, ganz so, als wären wir es, die sich getrennt haben.
«Hat Papi eine Neue»? fragte meine Mutter.
«Hat Mami einen Neuen»? mein Vater. Schon im zarten Alter waren Miri und ich Doppelagenten. Unsere Eltern hatten Angst vor uns, dass wir später zum Psychiater müssten. Immerhin hatten wir von nun an alles doppelt: Bett, Kleider, Spielzeug in zwei verschiedenen Wohnungen. Überhaupt nahmen sie es genau mit der Gleichheit. Wenn ich vom Papi Skis geschenkt bekam, schenkte mir die Mami ein Snowboard. Um niemanden zu bevorzugen, schleppte ich beides mit, wenn es mal in die Berge ging. Scheidungskinder sollten vier statt zwei Arme haben. Auch zum Umarmen. Denn seit ihrer Trennung wurden wir von beiden nur umso heftiger umarmt. Manchmal konnte das sogar wehtun, weil Miri und ich doch immer genau darauf achten mussten, bei beiden gleich stark zu drücken.
Am Anfang hatte ich noch zugehört, wenn der Papi die Mami bei uns schlechtmachte, und die Mami den Papi. Dann wusste Miri einen Trick: Bei längeren Haaren war die Watte in meinen Ohren gut versteckt. Wenn sie übereinander herzogen, merkten die Eltern sowie nichts mehr. Nur noch sich selbst. Mir war längst klar, dass es keine Wahrheit gibt. Und auch keine Liebe, da konnten beide lange sagen, sie hätten Miri und mich noch genauso lieb. Liebe ist immer falsch. Vor der würde ich mich hüten.
Dafür gab es doppeltes Taschengeld. Es hat auch Vorteile, wenn die Eltern nicht mehr zusammen reden, und Miri verriet mir einen neuen Trick: Ich sagte zu Papi, Mami gäbe mir 20 Franken mehr als er, und er hielt mit. Bei den andern in der Klasse ging da nichts. Deren Eltern redeten noch zusammen. Ich folgerte daraus, dass Zusammenbleiben sich rechnet.
Mami sagte, sie sei treu. – «Ja, vielleicht ihrer Zahnpasta», meinte Miri. Sie ist zwei Jahre älter als ich und kann mit ihren 13 ganz schön ausgeschlafen sein.
Auch bei Papi ging die Küsserei wieder los. Mussten wir das haben? Küssen ist primitiv. Wir sind doch keine Affen mehr… Als wäre ich nun plötzlich sein Kumpel legte er den Arm um mich und sagte: «Das ist Ivana.» Sie hatte einen Baukasten dabei und für Miri eine Puppe mit drei verschiedenen Kleidersets – unter­einander kombinierbar. Wir wollten keine Baukästen und keine Kleidersets. Schon gar keine, die sich bei uns einschleimte. Wir wollten unsere Familie wiederhaben. Stattdessen aber fragte uns dieses kombinierbare Kleiderset pausenlos aus: Nach der Schule, und was wir später mal werden wollten. Das ging die einen Dreck an, und ich sagte. «Hebamme.» Frau Kleiderset fand das toll und schob den Baukasten zur Seite, um mich wieder zu begrabschen. Wer eben mal kurz Baukästen zur Seite schiebt, ist noch lange nicht meine Mutter! Scheidungskinder haben ein Recht, zu bocken und auf mehr Taschengeld als Abfindung.
Auch Mami liess sich jedes Detail über Papis Kleiderset etwas kosten, und Miri holte den ultimativen Supertrick aus ihrer Kiste: «Setz dich, Paps. Ich muss dir etwas sagen. Mami hat einen Neuen. Gutaussehend, erfolgreich und muskelbepackt. Diesmal ist es ernst. – Tut mir leid, Paps,» Solche kleinen Lügen ziehen jedem Vater den Teppich weg. Den Kleidersetbaukasten waren wir jedenfalls bald wieder los. Papi aber haute das härter um, als wir gedacht hatten. Das wollten wir nicht. Doch es sind nun mal die Kinder, welche die Fäden geschiedener Eltern ziehen. Da hing nun unser zappelnder Vater dran. Ich wollte nie erwachsen werden. Doch bei Scheidungskindern geht selbst das schief.
Zwei Klassen unter mir war diese Regula Bütikofer. Ich fand sie sehr schön und war ein bisschen verliebt. Das war überhaupt nicht gut. Denn von da an gefiel mir sogar diese Komplilations-CD, die unser Vater immer hörte, wenn es ihm an Vollmonden schlecht ging: The 30 Best Love Songs.
Nur Zufall konnte es nicht sein, dass Regula und ich den gleichen Heimweg hatten. Ich nahm ihr den Schulsack ab, und sie wich jedem Stein auf dem Kiesweg gegen meine Seite hin aus. Einmal berührten sich dabei unsere Hände. Regi war 9, und ich knapp 11. Zusammen waren wir also volljährig.
Ein halbes Jahr später liessen sich auch ihre Eltern scheiden. Dank der Abfindung konnten wir uns bald unsere eigenen 30 Love Songs leisten. Regula hatte einen Discman mit Doppel­kopfhörerstecker, und wir nahmen uns vor, ewig zusammen zu bleiben. Die Mamis und Papis, sollten staunen. – Und unsere Kinder es gut haben.

Bis heute hat das funktioniert. Ob wegen oder trotz der Scheidung unserer Eltern, weiss ich nicht. Es gibt Studien darüber. The 30 Best Love Songs hören wir schon länger nicht mehr. Bisher hat Regula aber noch nichts von Bali gesagt. Sie wird ein anderes Land wählen.

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