Auf Sendung

Ich habe lange gezögert. Bis ich dieses Eichhörnchen gesehen habe. Jetzt bin auch ich auf Instagram. Ich finde, die Welt müsse wissen, dass ich ein Eichhörnchen gesehen habe. Dank Instagram weiss die Welt nun dies. Sie weiss auch, was ich heute zu Mittag esse. Ich poste ein Foto: Kartoffelsalat und Schweinswurst. Ich habe die Wurst so drapiert, dass ihre Krümmung einem Smiley gleicht. Das ist originell. Es unterscheidet meine Wurst von anderen World-wide-web-Würsten und macht dem Planeten gute Laune.
Morgen sind Tortellini dran. Vorher aber geht noch meine Meinung zum CO2-Verbrauch, zum IS und dem FC Bayern online. Das mysteriöse Zebra-Sterben in der Serengeti habe ich gestrichen. Man soll’s nicht übertreiben. Wichtig aber ist, dass ich die Strassenbahn verpasst habe. Das ist global gültig. Sofern es überall Strassenbahnen gibt natürlich. Wo es sie nicht gibt, wissen die Menschen nun wenigstens, dass so etwas wie Strassenbahnen existieren. Dann erst nämlich können sie nachvollziehen, wie es ist, wenn man eine verpasst. Und sind fähig, selbst zu entscheiden, ob sie eine verpassen wollen oder nicht. Das ist die Grundlage jeder Demokratie. Ich verstehe mich als Aufklärer – heute Influencer.

Aber es müssen nicht immer solch tiefgründige Posts sein. Auch ein Witz kann witzig sein. Gestern habe ich einen gelesen. Deepl übersetzt ihn auf englisch. Englisch ist universal. So können auch die in Neuseeland unten über meinen Witz lachen. Die vielen Inder am Ganges. Die in Südafrika. Endlich egal, ob schwarz oder weiss. Egal, ob Villa oder Slum. Lachen verbindet, schüttet soziale Gräben zu und schafft Frieden auf der Welt. Nur so gewinnt man heutzutage noch einen entsprechenden Nobelpreis.
Es ist auch davon auszugehen, dass die Menschen in Buenos Aires unbedingt wissen wollen, wie ich aussehe. Dem Wunsch kann man nachkommen. Mit Selfies. Eines gefällt mir besonders gut: Wie ich mit einer Hand Liegestütze mache. Meine Linke am Stick. Eigentlich habe ich nur dieses eine posten wollen. Aber es wäre ein Jammer um die vielen Andern. Schlecht sind die nämlich nicht und geben ein differenzierteres Bild von mir ab. Differenziertheit ist heutzutage wichtig. In unserer komplexen Welt. Viel zu oft neigen die Menschen zu simplen Weltbildern. Dagegen will ich ankämpfen. Ich bin ein überaus politischer Mensch. Aber nicht nur. In einer Zeit der Spezialisten (ich will nicht ‚Fachidioten‘ gesagt haben) braucht es Geister, die das Gesamte in sich vereinen. (‚Universalgenie‘ will ich auch nicht gesagt haben.)

Es genügt, dass ich seit Insta wieder zeichne. Fotos sind schon okay. Aber Zeichnungen sind irgendwie nachhaltiger. Entschleunigt. In Entstehung und Betrachtung. Sie erfordern nicht weniger Kreativität. Aber das Handwerkliche stellt halt doch gewisse Anforderungen. Daran muss ich noch arbeiten. Es schadet jedoch nicht, wenn die in Singapur meine Forstschritte hautnah mitverfolgen. Oder die im Senegal. Ich finde überhaupt, ich sei kreativer geworden, seit ich auf Insta bin. – Ein Künstler halt. Die Zeichnung meines Duschvorhangs finde ich gelungen. Um nur ein Beispiel zu nennen. Es gäbe natürlich auch andere. Aber ich möchte nicht prahlen. Prahler gibt es genug im Web. Als Influencer muss man zurückhaltend sein. Das erhöht die Spannung auf den nächsten Post.

Diesen nenne ich Innovative Creation No 374. Es geht um meinen Stuhl. Worauf man sitzt, ist keineswegs unwichtig. Auch van Gogh hat Stühle gemalt. Damit wurden später ganze Bibliotheken gefüllt. Bei meinem Stuhl kommt das noch. Das Bild zeigt vier Beine, eine Sitzfläche, zwei Arm- und eine Rückenlehne. Darauf kommt es jedoch nicht an. Es kommt darauf an, worauf meine Kreationen entstehen. Meine Grundlage sozusagen. Mein kultureller, soziologischer und designerischer Backgrund. Die Followers werden die Zusammenhänge verstehen und den Biografen wird es dienen.

Nach 18 Monaten habe ich aufgehört, täglich die Sicht aus meinem Küchenfester zu posten. Das muss aber erklärt sein. Damit keiner denkt, ich sei umgezogen. Bin ich nämlich nicht. Ich lege grossen Wert auf Wahrheit. Es gibt zu viele Fakes im Web. Als Influencer trägt man gesellschaftliche Verantwortung. Man braucht sich bloss vorzustellen, jemand deute mich falsch. Mann, das kann zu Krieg führen! – Nein, das Motiv Kitchen Window war einfach künstlerisch ausgereizt. Es hat auch keine Proteste gegeben. Ich werte das als Zustimmung. Obschon ich es bedauere, dass es niemand bedauert.

Dafür öffnet sich mir nun ein neues Feld: Schnürsenkel. Wenn man sich nicht intensiv damit auseinandersetzt, macht man sich kein Bild davon, was der Zufall alles kann. Im konkreten Fall – und ich bin immer für konkret – in wie vielen Variationen Schnürsenkel zu liegen kommen können. Jeder einzelnen Variante gebe ich natürlich einen Titel. Walking zum Beispiel, On the Road Again oder auch nur Road. Besonders geglückt scheint mir eine Serie. Da liegen die Schnürsenkel immer genau gleich. 27 Mal exakt gleich. Titel: Not out today. – Kunstmachen kann so schön sein!

Seit Insta gehe ich auch nicht mehr zu Dr. Büchi. Die Trennung von Sybille onlinet. Das hilft durch schlaflose Nächte. Und zwar weltweit. Denn ich bin nicht nur künstlerisch tätig. Ich habe auch Lebenserfahrung. Wer solche hat, sollte damit nicht geizen. Das ist man der Welt schuldig. Erst recht, wenn es so gut herauskommt, wie bei mir: Vor 17 Tagen habe ich mich verliebt. IRENE! Ich spüre förmlich, wie auf dem Planeten Bildschirme schmelzen. Irene am Fenster, Irenes leerer Teller, Irenes linker Socken, Irene beim Zähneputzen, (erst die Unschärfe macht das Bild wirklich gross), ein Close up nur von ihrem Haar, dem Ohrläppchen. Und ihren Schnürsenkeln natürlich. Irene geht um die Welt! Gezeichnet, gedichtet, in einem eigens für sie komponierten Song. Englisch, klar: «Airin, Airiiin, Airiiiiiiiiiin. – Oh!» Der Refrain variiert zwischen «Oh my God» und «Wow!»

Ich könnte ewig Zeit mit meiner Airiiin verbringen. Diese Zeit geht nun aber meinen Posts ab. Ich finde, ich schrumpfe. Irene lacht, «Blas dich doch einfach wieder auf.» Das ist nicht zum Lachen. Und fürs Netz gibt sie auch immer weniger her. Ihre Nacktfotos sind nur noch ein letztes Aufbäumen. Auch die Gewagteren. Ich aber spüre, dass ich wieder zu mir selbst finden muss. Zu meinen Followern. Die sind meine Bestimmung. Ich trenne mich von Irene. Sie: «Warum denn? Wir sind doch glücklich.»
Ja klar, aber wer zu Höherem berufen ist, muss Opfer bringen.

Übrigens: Posts von Anderen schaue ich mir nicht an. Nie.

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