Arbeitstitel

Véronique ist schwanger. Leo freut sich auf das Kind. Es wird ein Mädchen. Dass man das schon weiss, hat Vorteile. Man kann jetzt schon Strampelhöschen in gendergerechter Farbe kaufen. Aber auch einen Nachteil: Véronique und Leo haben viel Zeit für den Kindsnamen. Kind ist ihr Erstes. Also ein Einzelkind. Da wird es besonders heikel. Einzelkinder müssen viel erfüllen. Und somit auch ihr Name. Einzelkind geht als Name nicht. – Was, wenn noch ein Zweites kommt?

Véronique schlägt Nora vor. Leo ist entsetzt. Er hält seine Frau für knausrig. Nur gerade vier Buchstaben ist ihr sein Kind wert! Leo hat lange genug darunter gelitten, dass er von seinen Eltern nur drei bekommen hat. Das wirkt bis heute nach. Sein Kind soll es besser haben: Anastasia. – «Sag doch gleich Paris Hilton!» Véronique ist manchmal sehr direkt. Als Kompromiss schlägt sie Seraina vor. – «Klingt nach Steiner-Schule», findet Leo. «Soll unser Kind etwa in die Steiner-Schule?»
– «Warum nicht? Die ist human.»
– «Privatschulen sind nie human!» Leo hat ein soziales Bewusstsein. «Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, halten sich für etwas Besseres. Und ihre Gofen erst recht. Es ist wichtig, dass – sagen wir jetzt mal einfach noch XY – zu allen Schichten der Gesell…»
«Unser Kind soll XY heissen?!»
«Nein, natürlich nicht. Ist nur ein Platzhalter.»
Véronique bockt. Ihr Kind ist kein Platzhalter!

Leo geht Abwaschen. Véronique starrt auf ihr Smartphone. Aber das war’s noch nicht für heute. Da wird man glückliche Eltern und bockt. Geht irgendwie nicht. «Du hast ja recht mit der Steiner-Schule,» versucht Véronique den Restart. «Unser Kind soll auch die Welt der Ausländer kennenlernen. Da lernt es früh die Welt kennen.» Dabei hält sie ihren Bauch. Leo weiss solche Zeichen zu deuten: Es sei ihr Kind – nicht seines. Leo wäscht ab. «…Komm, sei nicht gleich eingeschnappt. Es ist ganz gut, sich Gedanken über die Schule zu machen. So finden wir vielleicht auch einen Namen.» – «Feusi,» sagt Leo. – «Mir reicht’s!» Véronique.

Das mit der Schule ist auch am nächsten Tag noch nicht gegessen. Aber riskant. Als Kompromiss schlägt Leo vor, erst mal über die Kita zu reden. Auch Véronique findet das gut. Und bald sind sie sich einig, dass es eine Wald-Kita sein soll. Egal, wie weit vom Breitsch weg. Bringen und Abholen wird aufgeteilt. Leo und Véronique sind ein modernes Paar.
Das Kind nennen sie jetzt einvernehmlich Modi. – Als Arbeitstitel. Das mit dem Platzhalter ist ausdiskutiert. Jetzt geht es um Erziehung.
Véronique ist in Moudon aufgewachsen. Sie schlägt Zweisprachigkeit vor. Das täte Leo auch gut. Er ist dabei. Nicht, weil es ihm guttut, sondern für die Weltoffenheit von Modi. Weltoffenheit wird in Zukunft gebraucht. Bei einem Kind muss man immer auch an die Zukunft denken. Kreativität ist wichtig, Innovation und Nachhaltigkeit. Ja, Modi soll weltoffen, kreativ, innovativ und nachhaltig herauskommen! Heute ist ein schöner Tag. Über Leo’s Vorschlag Innovanzia wird sogar gekichert.

Am Abend bringt Leo pinkige Strampelhöschen mit. Véro findet, sie seien zu eng. Sie wolle nicht, dass ihr Kind sich eingeengt fühle. «Du weisst doch gar nicht, wie gross es wird?» meint Leo. – «Egal,» sagt Véronique, sie sei gegen jede Art von Einengung. Leo sieht das anders. Es schade nichts, wenn Kinder ihre Grenzen kennenlernten.
«Du meinst Drill, oder?!»
«Nein, kein Drill. – Grenzen! Soll Modi etwa runterfallen, wenn es auf Bäume steigt?!»
«Fällt nicht runter!»
«Sag mal, wieso dürfen Mädchen denn nicht auf Bäume steigen?»
«Das hab ich doch gar nicht gesagt!»
«Dann fällt es auch runter.»
«Nein, bleibt oben!»
«Seit wann kannst du hellsehen?»

Abgewaschen ist schon. Véro’s Smartphone muss erst wieder aufgeladen werden. Es gibt kein Entrinnen. «Danke für das Strampelhöschen,» lenkt sie ein.
«Ist zu eng!» Leo gibt nicht nach. Diesmal nicht! Es ist auch sein Modi. Und soll nicht von Bäumen fallen.
«Es lernt aber etwas dabei.»
«Was denn? – Bluten?! Und ein Gips ist etwa nicht einengend?»
«Nein. Ein Gips schafft Erkenntnis. Ist wichtig für die weitere Entwicklung eines Kindes.»
«Dann wirf es doch gleich aus dem Fenster!»

Auf Lautstärke kann Gegenlautstärke folgen. Oder Schweigen. Wie bei Leo und Véronique, den Eltern von Arbeitstitel. Leo entschuldigt sich. War nicht so gemeint. Akzeptiert. Hängen bleibt es trotzdem.
«Du bist einfach viel zu vorsichtig, Leo…» meint Véro dann. «Kinder sind robust. Man darf ihnen ruhig etwas zutrauen. Also fang jetzt bitte nicht wieder mit den Bäumen an, ja?»
«Gut, warten wir ab, bis es runterfällt. Dann reden wir weiter.»
«Nein, reden wir weiter, wenn es da ist!»

Das ist gut. Vorläufig steigt niemand auf Bäume. Leo gibt aber zu bedenken, dass eine gemeinsame Haltung in der Erziehung wichtig wäre. Prägend, fügt er noch an. Véro sieht das gleich. Sie setzen sich hin.
«Reden wir zuerst über Demarkationslinien, Véro.»
«Sind wir im Krieg?»
«Nein, blödes Wort, entschuldige.»
Véro entschuldigt. Leo greift zu Papier und Stift.

Erstens: Ab wann ein Smartphone?
Ab vier, findet Leo. Nicht vor der 1. Klasse, Véronique.

Zweitens: Wie lange Stillen?
Leo überlässt das seiner Frau. Dafür braucht es keine Haltung.

Drittenes: Wollen wir es gut machen?
Beide ja.

Viertens: Ist Leistung wichtig?
Leo ja. Véro nein.
«Warum nicht?»
«Es soll sich frei fühlen.»
«Ist es etwa frei, wenn es nicht in den Gymer kommt und an der Supermarktkasse landet? Nein, Véro, Freiheit ist Gymer und dann eine 50% Stelle! – Maximal!»
«Ich hör schon wieder Drill…»
Punkt 4 wird übersprungen.

Fünftens.
«Wie viele hast du noch?»
«Weiss nicht.»
«Also fünftens:» meint Véronique und setzt sich neu hin.

Wie lässt es sich verhindern, dass Modi rechts wählt?
«Du sagst jetzt bestimmt ‚Prügelstrafe‘,» stichelt Véro.
Leo übergeht es grosszügig: «Aufklärung.»
Véronique ist für Vorleben. Das schliesst sich nicht aus und führt zu keiner weiteren Diskussion.

Sechstens: Wenn wir schon noch keinen Namen für Modi haben. Wie soll es dann uns nennen?
«Mama.»
«Dad.»
«’Dad‘? Spinnst du?»
«Dann halt Vati.»
«Ist das besser?»
«Hör mal. Es ist doch wohl meine Sache, wie ich von meinem Kind genannt werden will.»
«Nein. Das ist Modis Sache!»
«Und das entscheidest du?!»
«Leo sorry, aber was soll das Modi bei ‚Dad‘ oder ‚Vati‘ denn für ein Männerbild bekommen? Aus einer amerikanischen Soap etwa oder von einem ‚Vati‘ in Filzpantoffeln?»
«Dann Leo.»
«Bist du jetzt ihr Freund?»
«Warum nicht?»
«Ist Anbiederung. Kinder wollen klare Strukturen. Hierarchien. Struktur.»
«Wer sagt das?»
«Sonst werden sie drogensüchtig.»
«Ach, komm. Weiter.»
«Ich bin dran.» Véro übernimmt den Stift.

Siebtens: Wie lässt sich Drogenkonsum vermeiden?
«Muss nicht vermieden werden», sagt Leo.
«Auch harte nicht?»
«Doch, harte schon.»
«Also, wie?»
«Aber nur, wenn du mir nicht wieder dauernd reinredest.»
Abgemacht.

Zuerst redet Leo eine Stunde. Dann Véronique. Sie haben den Wecker gestellt. Bei der Frage, ob Kinder genetisch oder sozial geprägt werden, geht es dann wieder hin und her. Am Ende hoffen beide auf die Gene. – Da kann keiner was dafür.

Ihr Arbeitstitel wird später auf den Namen Viktoria hören. – Die Siegesgöttin.

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